Blutrot, Grasgrün

Am frühen Nachmittag eile ich durch den sonnendurchfluteten Wald und finde mich schließlich viel zu früh wartend auf dem Bahnsteig, nach Luft schnappend, die Haare vom Fahrtwind zerzaust. Ein paar Minuten später vernehme ich das Rauschen der Gleise und sehe ihn kommen, den Zug, der rot und schnaufend vor mir zum Stehen kommt und wie in einem Willkommensgruß seine Türen für mich öffnet. Ich brauche weder suchend umher zu schauen noch lange voller Ungeduld zu warten, stehe ich doch genau an der richtigen Stelle des ach so langen Bahnsteiges. Wie auch beim ersten Mal, ist alles ein wenig fremd und doch irgendwie völlig normal und vertraut, das kaum Raum bleibt für Nervosität oder Beklommenheit und wir gemeinsam eintauchen in das tiefe Grün des Waldes. Was uns erwartete, wußten wir nicht und vermutlich haben wir auch nicht wirklich viele Gedanken daran verschwendet, sondern einfach nur zugesehen, was als nächstes passieren wird.

So viele Bilder, so viele unvergessliche Augenblicke, rote wie auch grüne: knackig grüner Spargel ganz heiss aus dem Ofen; frische Tomaten, duftend und süss; Rosmarin, dringend gesucht und doch unauffindbar;  saftiges Fleisch, über der Glut des Grills brutzelnd; ein Raum, rot, rastlos und dennoch träumend; ein Raum, grün, tief schlafend und ruhig; zwei rote Inseln, die im Sturm langsam auseinander driften und sich dennoch nie so weit entfernen, dass die Distanz nicht überwunden werden könnte; deutsche Eichen und laut quakende Frösche;  Kirscheis, das auch im Schatten schmilzt, wenn es nicht gegessen wird; Gras, das sich noch immer an das Gewicht der von der Sonne gekitzelten Körper erinnert.

Wir haben uns einfach treiben lassen. Und wenn sich rot und grün mischen, entsteht eine neue Farbe – die deiner Augen, die meiner Augen. Es ist fast so wie in einen Spiegel zu sehen und das Gefühl zu haben, das Bild schaut direkt zurück. Nicht nur zu sehen, sondern auch gesehen zu werden, in einem Blick versinken.

Und warum auch nur einen Augenblick zögern? Kann man verlieren, was man nie hatte? Oder tatsächlich finden, was man sucht? Sind Erwartungen grundsätzlich zum Scheitern verurteilt, egal wie hoch oder niedrig sie auch sind? Und kann man tatsächlich erkennen, wenn man findet, wonach man gesucht hat? Vielleicht sollte man auch einfach weniger denken und fragen und stattdessen die vielen wunderbaren kleinen und großen Momente geniessen und mit weit offenen Augen durch das Leben und die Welt gehen. Und das nicht nur zu zweit, sondern auch allein. Jeden Tag. Jederzeit. Mit einem Lächeln auf den Lippen und in den Augen.

Teile diesen Beitrag:

Wenn Du auch etwas dazu sagen möchtest...