Romance of souls

Ein wenig zögerlich und befangen sitze ich hier vor dem Bildschirm und frage mich, ob ich diese Zeilen tatsächlich schreiben soll und ob es mir überhaupt nur annähernd gelingen wird, das auszudrücken, was ich wirklich denke, fühle, glaube. Manchmal ist es ganz leicht und die Worte sprudeln oft viel schneller als die Gedanken in meinem Kopf, das Niederschreiben scheint diese zudem auch noch zu verändern, neu zu formen, zu ordnen. In einem Augenblick scheint alles noch ganz klar zu sein und im nächsten sind die Worte auf einmal so fragil wie kleine Wolken am Himmel oder auch frisch gefallene Schneeflocken, die bei der kleinsten Berührung verschwinden; Sätze zerplatzen wie Seifenblasen und alles fällt in sich zusammen wie ein wackeliges Kartenhaus. Ja, es ist nicht leicht über die Liebe zu schreiben und vielleicht scheitere ich auch kläglich daran, aber einen Versuch ist es dennoch wert.

Vor einigen Jahren habe ich irgendwo gelesen, dass man jemanden nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit dem Verstand, den Augen, dem Körper und der Seele lieben kann und in letzter Zeit denke ich wieder öfter an diese Worte von damals. Mit den Augen und dem Herzen lieben können wir von Anfang an, all die wunderschönen kleinen und großen Dinge, die wir tagtäglich sehen, liebe Menschen um uns herum, Familie und Freunde, die für uns da sind, sich um uns sorgen, uns die Welt zeigen. Wenn wir dann älter werden, entdecken wir noch eine weitere Form oder auch Variante dieser Liebe, für einen ganz besonderen Menschen, voller Romantik, Sehnsucht, Leidenschaft und auch Neugier. In meiner manchmal etwas wilden Jugend war ich ständig in jemanden verliebt, immer wieder aufs Neue, und obwohl es meistens eher einseitig und/oder unglücklich war, mein Herz oft gebrochen wurde und ich im Laufe der Zeit viele Tränen darüber vergoß, kehrten die Schmetterlinge nach einer Weile immer wieder zurück. Junge Liebe ist vielleicht ein wenig flatterhaft, für den Augenblick, oft auch irrational, manchmal extrem dramatisch und wenn man Glück hat, einfach nur wunderschön, ganz ohne Sorgen. Die körperliche Liebe entdeckt bzw. erfährt man später, manchmal folgt sie dem Herzen, manchmal ist sie völlig unabhängig davon und oft fragen wir uns: Suchen wir alle etwas anderes oder im Grunde doch ein und das Selbe? Reicht es uns tatsächlich jemanden nur körperlich zu lieben, Intimität zuzulassen, ohne dass unser Herz involviert ist? Selbst wenn wir es können, wollen wir es wirklich so haben?

Und auch wenn uns die Erfahrung lehrt, dass unser Herz stark genug ist, um Trennungen und Schmerz zu überwinden, und dass es, ganz egal wie lange es auch dauern mag, irgendwann wieder heilt, so gab es für mich eine Zeit, in der ich einfach genug hatte und in Frage stellte, ob es wirklich Sinn macht seinem Herzen zu folgen. Ich war den Schmerz einfach leid, hatte genug davon zu warten, zu hoffen auf ein Happy End, dass womöglich doch nicht kommen würde und übergab die Kontrolle in Liebesangelegenheiten meinem Verstand. Keine wirklich gute Idee wie sich später herausstellte, denn auch wenn eine Wahl durchaus vernünftig erscheinen mag, schützt es nicht davor verletzt zu werden, bedeutet es nicht, dass es auch wirklich genug ist. Doch wirklich mit dem Verstand zu lieben bedeutet etwas anderes und über die Jahre hinweg liebte ich so viele Menschen, denen ich zum größten Teil niemals begegnet bin: jeden Schriftsteller, dessen Worte mich begeisterten und dessen Bücher ich verschlang; jeden Wissenschaftler, dessen Erkenntnisse und Entdeckungen mich zum Staunen brachten; jeden Philosophen, der mir Antworten auf meine vielen Fragen gab; jeden Menschen, dessen Gedanken ich teilen und folgen konnte. Jemanden im Geiste zu lieben ist vermutlich die einfachste Form der Liebe, zumindest für mich, und auch mein Herz scheint inzwischen wieder ein klein wenig offener zu sein für andere, auch wenn die Schmetterlinge noch etwas scheu und zurückhaltend zu sein scheinen. Die schwierigste und vielleicht auch seltenste Art zu lieben ist für mich mit meiner Seele, vielleicht weil es bedeutet, mich ganz einzulassen, jemandem wirklich nah zu sein, sehen und gesehen werden. Und vielleicht auch, weil es bedeutet, dass man dafür mit sich selbst im Reinen sein muß, so gut wie es geht zumindest, sonst macht die Suche nach einer verwandten Seele – jemandem, der uns auf gewisse Weise ähnlich ist und doch auch verschieden genug, um uns zu ergänzen – doch irgendwie keinen Sinn.

Es gibt ein Zitat von Oscar Wilde, das lautet: „To love oneself is the beginning of a lifelong romance.“ Sich selbst zu lieben, sich anzunehmen, wahrzunehmen mit all unseren Stärken, Schwächen, Makeln und Eigenheiten, dass mag für den einen das Selbstverständlichste auf der Welt zu sein und für jemand anderen das Schwierigste überhaupt. Und dennoch ist vielleicht auch das Wichtigste überhaupt, denn wenn wir uns selbst nicht lieben, wie können wir dann glauben, verstehen, annehmen, dass jemand anderes uns liebt? Wir können nicht von anderen erwarten, dass sie sich für uns ändern und genauso wenig können wir die Gefühle beeinflussen, die andere für uns haben oder die wir für andere empfinden,  doch für uns selbst und mit uns allein können und sollten wir das. Zuerst eins sein mit sich selbst, vielleicht kann man dann auch irgendwann oder irgendwie eins werden mit jemand anderem. Es gab eine Zeit, ich war so Anfang 20, da glaubte ich jemanden so sehr zu lieben, dass jeder Moment allein, jeder Gedanke an eine gemeinsame, glücklich Zukunft, die es doch nie geben würde, mir das Gefühl gab, jemand hätte mein Herz heraus gerissen, so groß war der Schmerz, so tief sass die Trauer. Es dauerte viele Jahre, bis ich ihn endlich loslassen konnte; viele Jahre, in denen ich wieder zu mir finden mußte, ganz langsam, Schritt für Schritt; und Jahre später frage ich mich manchmal: War es wirklich Liebe? Kann es Liebe gewesen sein, wo ich mich selbst doch so gar nicht liebte damals? Ich kenne die Antwort auf diese Fragen nicht und im Grunde spielt es auch keine Rolle mehr, denn was geschehen ist, ist geschehen, Vergangenes holt man nicht wieder zurück. Was ich weiß bzw. inzwischen gelernt habe, ist, wie viel schöner es ist, Liebe zu geben, zu teilen, und das es niemals zu spät dafür ist, sich selbst zu entdecken und neu zu finden. Wir haben ein Leben lang Zeit dafür, nicht nur andere Menschen und die ganze Welt, sondern vor allem auch uns selbst zu erobern, immer wieder aufs Neue, und unsere Träume zu leben, so gut wie es geht.

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4 Kommentare

  1. wow, ein wirklich schöner und persönlicher text. ich denke auch, dass die grundlage einer funktionierenden liebe zu zweit die liebe zu sich selbst ist, sonst rutscht man automatisch in ein abhängigkeitsverhältnis. das kann aber oft so furchtbar schwer sein. es ist toll zu lesen, dass du vieles überwunden und ganz daraus hervor gegangen bist… ich habe oft das gefühl, unterwegs ein stück von mir verloren zu haben.

    1. Vielen Dank! Freut mich auch sehr, dass zumindest eine(r) auch immer diese Texte von mir liest. Zur Zeit fehlen mir auch oft einfach die Worte und ich komme nicht so recht zum schreiben. Fotos machen ist da viel einfacher 🙂

      Manchmal merkt man auch garnicht, dass manche Dinge mit der Zeit einfach verloren gehen und dann auf einmal, ist der Verlust so offensichtlich. Ich habe auch sehr viel von mir verloren über die Jahre, vieles vielleicht auch mit Absicht verleugnet oder zur Seite geschoben, schon ein komisches Gefühl, wenn das einem plötzlich bewußt wird. Trotzdem ist es nie zu spät, diese Dinge wieder zurück zu holen, sich selbst wieder besser kennen zu lernen, wieder neu zu entdecken und zu finden. Dabei können uns zwar andere Menschen durchaus helfen, aber letzendlich sind wir es selbst, die diese Menschen wählen. Manchmal ist es halt leichter, in anderen etwas zu sehen, dass man für sich selbst noch nicht gefunden hat. Etwas, das einen daran erinnert, wo von man einmal geträumt hat oder wie man selbst einmal war. Es ist nicht immer leicht und dauert auch oft eine Weile, doch im Grunde müssen wir uns selbst einfach nur nicht aufgegeben, dann haben unser ganzes Leben lang Zeit dafür 🙂

      1. ich lese selten lange texte aber wenn mich die einleitung packt und ich grad ein wenig zeit hab dann sehr gern (:

        ja das stimmt. oder manchmal entreißt einem das leben dinge und man ist von dem verlust wie paralysiert – das ist die kehrseite der medaille.
        natürlich, die verantwortung liegt immer bei einem selbst, aber ich finde es oft schwer, die selbstschutzmauern zu durchbrechen und oft frage ich mich, ob es überhaupt klug ist.

  2. […] enthielt, weil ich zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht soweit war. Der Post trägt den Titel ‘Romance of Souls’ und handelt von der Liebe oder zumindest meiner Idee davon. 2. Welche drei Alben nehmt Ihr mit auf […]

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