Last November

Wir schreiben das Jahr 2010. Es Dienstag, der 23. November, zwei Tage bevor in Amerika Thanksgiving gefeiert wird. Ich freute mich schon ein wenig auf diesen letzten Donnerstag im November, hatte ich mich doch für ein zum Anlaß passenden Kochabend angemeldet, weil ich auch einmal wissen wollte, wie man denn so ein typisches Dinner kocht. Es war ein dunkler, kühler Novembertag und ich weiß noch genau, dass ich im Büro einen roten Rollkragenpullover trug und einen Rock. Ich weiß auch noch, dass ich recht früh Feierabend machen konnte und so schon kurz vor 7 Uhr meine Haustür öffnete. Als ich in den dunklen Flur trat, fiel mir auf, dass gleich neben dem Eingang die Tür zum Gäste-WC weit offen stand. Ich stutzte für einen Moment, lasse ich diese Tür doch niemals offen und die Erinnerungen an den Morgen, die in diesem Moment durch meinen Kopf rauschten, sagten mir, dass ich nicht noch einmal in dem Raum war, bevor ich das Haus verließ. Ich stehe noch immer in der geöffneten Eingangstür, nicht einmal einen Meter habe ich mich ins Haus hinein bewegt, da höre ich ein Geräusch. Und als ich noch ein paar Schritte in Richtung Küche mache, sehe ich auch wenn das Licht noch gar nicht an ist, dass die Terrassentür dort offen steht. Ich gehe noch ein Stückchen weiter, langsam oder schnell, ich weiß es nicht mehr, dann sehe ich nur noch, wie jemand hinten im Garten über den Zaun flüchtet. Mein Herz schlägt ganz laut in meiner Brust und doch ist alles irgendwie ganz unwirklich als ich zurückweiche und hinüber gehe ins Wohnzimmer, wo alle Schranktüren offen stehen, genauso wie die Terrassentür dort, dessen Öffnen oder Zufallen vermutlich die Ursache des zuvor gehörten Geräusches war. Alles ist wie in einem dunklen Traum, ich gehe die Treppe hinauf, im Schlafzimmer stehen alle Schranktüren offen, Kleidung liegt auf dem Boden verstreut.

Wieder unten im Flur, suche ich das Telefon und wähle die dreistellige Nummer, zum allerersten Mal in meinem Leben; die Nummer, die jeder kennt und doch hofft, niemals zu brauchen. Dann sitze ich dort, überall brennt nun Licht, und ich warte darauf, dass noch mehr Fremde in meine Welt eindringen, mein am Boden liegendes Leben betrachten, fotografieren und dokumentieren, mein aufgelöstes Ich betrachten. Es wurde nichts zerstört, kein Fenster zerschmissen, keine Möbel beschädigt, nur ein paar materielle Dinge verloren, nichts Unwiederbringliches oder Unersetzbares außer ein paar Fotos, vom längst vergangenen Sommer und der Sorglosigkeit von Schmetterlingen. Ich kann nicht schlafen in dieser Nacht und das nicht, weil ich Angst habe wegen dem was passiert ist, sondern weil ich zu sehr, zu viel geweint habe und mein ganzer Körper vor Erschöpfung schmerzt. In den Tagen und Wochen danach werde ich oft gefragt, ob ich denn keine Angst hätte alleine im Haus und meine Antwort ist immer die gleiche: Ich habe keine Angst, wenn ich nachts alleine zu Hause bin, ich habe Angst vor dem, was passiert, während ich weg bin. Und auch ein Jahr später, trotz verstärkter Sicherung aller Türen und Fenster, kontrolliere ich lieber zweimal, ob alle Fenster geschlossen sind, wenn ich gehe und wenn ich nach Hause komme, sehe ich immer nach, ob auch immer noch alles so ist, wie ich es verlassen habe. Insofern habe ich vielleicht doch etwas verloren, dass sich nicht ersetzen läßt. Vielleicht dauert es auch nur noch etwas.

Ich wollte an diesem Tag gerne etwas darüber schreiben, war mir aber auch nicht sicher, was es sein würde und welchen Ton die Worte haben würden. Ich bin müde und möchte jetzt auch nicht mehr wirklich darüber nachdenken, ob es wirklich das ist, was ich schreiben wollte oder ob vielleicht doch noch etwas fehlt. Ich habe am letzten Sonntag noch ein paar neue Fotos gemacht, eine alte Idee dem Anlaß entsprechend ein wenig abgewandelt, vielleicht schaffen sie ja noch das bisher fehlende Augenzwinkern zu ergänzen. Denn was immer auch geschehen mag, das Leben geht weiter.

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4 Replies to “Last November”

  1. die fotos sind der hammer. unglaublich stimmungsvoll. und dass dir das passiert ist tut mir leid. ich glaube, ich hätte schon angst. ich könnte kaum noch ruhig schlafen. vielleicht hilft dir eine alarmanlage?

    1. Oh, vielen Dank, das freut mich wirklich sehr! War auch wieder ein sehr spassiges Shooting 🙂

      Und wegen des Einbruchs…im Grunde habe ich noch Glück gehabt, hätte vermutlich auch viel mehr Schaden angerichtet werden können. Dagegen hilft auch eine Alarmanlage nichts, die es übrigens gibt im haus, funktioniert nur nicht. Hab mich damals bei der Polizei beraten lassen, wie man sich besser schützen kann und die Nachbarn passen auch mehr auf. Jetzt in der dunklen Jahreszeit hab ich doch wieder öfter ein komisches gefühl, wenn ich abends heimkomme, aber man kann ja auch nicht immer in Angst leben.

  2. Deine Beschreibung von diesem Tag ist total fesselnd. Da bin ich mitten drin und kann so mitfühlen… es muss schrecklich sein. Natürlich denkt man bei Einbruch erstmal: Ist nichts von Wert verloren gegangen? Hast du keine Angst? Aber die Tatsache, seine ganzen Sachen so vor sich ausgebreitet zu sehen, alles steht offen und man weiß, dass vor wenigen Minuten noch jemand Fremdes da war wo man jetzt steht.. und sich durch sein Leben gestöbert hat… das muss genauso gruselig sein.

    Der Point.

  3. Das kann ich Dir sagen, ist vor allem auch so unwirklich. Und wenn ich nach Hause komme, gucke ich immer erst, ob unten alles ok aussieht, bevor ich die Haustür hinter mit zu mache. Muß dringend meinen Zeitschaltuhren für die Lampen neu programmieren, ist wirklich beruhigend, wenn man in ein beleuchtes Haus eintritt.

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