Ein Hase im Labor

Seit 3 Tagen bin ich zu Besuch in meiner Heimat an der Ostsee und die ganze Zeit über war es regnerisch, windig und kühl, wodurch sich mein Bedürfnis, ans Meer zu fahren doch eher in Grenzen hielt. Dafür habe ich es aber nach längerer Zeit mal wieder geschafft, ein paar ehemalige Kollegen an der Uni besuchen; kein allzu leichtes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass die meisten während der Semesterferien Urlaub haben und außerdem auch noch in verschiedenen Gebäuden anzutreffen sind. Natürlich konnte ich es auch nicht wirklich über mich bringen, morgens früh aufzustehen und so kam es, dass bei meiner Ankunft gerade alle Anwesenden zum Mittagessen in der Mensa waren. Die Wartezeit habe ich genutzt, um ein bißchen durch die Gänge meiner alten Lehr- und Arbeitsstelle zu laufen, Laborluft zu schnuppern und ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen. Natürlich hatte ich auch den Paule auf meiner kleinen Exkursion in die Vergangenheit dabei, habe ihn ein wenig herumgeführt und in das eine oder andere Labor herein schnuppern lassen. Viel Aufwand wollte ich für das Wochenbild aber nicht betreiben, es sollte einfach nur ein kleines bißchen Laborstimmung vermitteln. Ich hätte ihn natürlich sehr gerne neben meiner alten Messapparatur, eine vollständig aus Glas konstruiertem Schwingscheibenviskosimeters, in Szene gesetzt, da mein Doktorvater aber inzwischen pensioniert und seine Laborräume aufgelöst sind, ging das leider nicht mehr. Und im Grunde war das letzte Viskosimeter, das inzwischen wohl in der Glasbäserwerkstatt ein neues Heim gefunden hat, auch nur ein Nachbau meiner Apparatur, die ist nämlich bei meinen letzten Messungen explodiert. Aber reden wir nicht darüber, sondern konzentrieren uns lieber auf den kleinen Paule und sein Bild der Woche.

Wie oben bereits kurz erwähnt, befinden bzw. befanden sich die Lehrgebäude des Chemischen Institutes sich an verschiedenen Stellen der Stadt, einige sind erst wenige Jahre alt und nach neuesten Stand ausgestattet, anderen sind schon seit vielen Jahrzehnten in den Händen verschiedener Generationen von Wissenschaftlern und Studenten, haben ihren ganz eigenen Charme. Die Abteilung, in der ich sowohl meine Diplom- als auch meine Doktorarbeit gemacht habe, befand sich in einer alten Stadtvilla und obwohl ein Teil der Kollegen bereits seit einigen Jahren in einen Laborcontainer, der ursprünglich nur als Provisorium gedacht war, umgezogen war, forschte und experimentierte ich noch in alten Gemäuern, auf schwingungsfreien Kellerböden. 15 Jahre ist es nun schon her, dass ich die alterwürdigen Hallen der Universität zum ersten Mal betrat und eintauchte in die weite Welt der Wissenschaft.

 

Es war eine gute Zeit damals, an die ich mich immer wieder gerne erinnere. Wir waren nur sehr wenige Studenten, zwölf an der Zahl in meinem Studienjahr, beinahe mehr als in den 3 Jahrgängen über uns zusammen und weniger als die dort lehrenden Professoren. Man kannte sich untereinander, wozu sicherlich auch die vielen kleinen und großen Feierlichkeiten des Institutes beitrugen, ob es nun der Einstand der Erstsemestler und das zur Vorbereitung darauf stattfindende Singen und Trinken bei den Herren Professoren war oder aber die verschiedenen Diplom- und Promotionsverteidigungen, Weihnachtsfeiern und Gastvorträge. Bei solchen Gegebenheiten und auch während des Praktikums lauschten wir so manchen spannenden und lustigen Geschichten unserer Lehrmeister und es fiel auf einmal gar nicht mehr so schwer, sich vorzustellen, wie lange vor unserer Zeit all die großen Entdeckungen, die für uns schon fast selbstverständlich waren, gemacht wurden. Und wie wir vielleicht auch selbst einmal sein werden, auch wenn vieles noch so unwirklich, groß und ein bißchen beängstigend schien. Und eines Tages steht man dann dort in den gleichen Räumen, in denen man selbst stundenlang im Etherdunst schwitzte, Kolben schwenkte und den Trennungsgang hoch und runter kochte, erklärt Studenten den Versuchsaufbau und fragt sich, ob man damals auch so jung und unsicher war. Manchmal wird mir das Vergehen der Zeit erst so richtig bewußt, wenn ich mich an all die Dinge erinnere, die ich bereits erlebt, gesehen, gedacht und gefühlt habe. Und auch wenn so vieles oft schon so weit weg und unendlich lange her scheint, merke ich bei solchen Besuchen immer wieder, wie sehr unsere Erinnerungen und Erlebnisse uns doch unser ganzes Leben lang begleiten, ein Teil von uns sind.

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0 Replies to “Ein Hase im Labor”

  1. Aha, hier gibt es die zensierte Bildüberschrift ;o)
    Labore finde ich auch schon sehr interessant, obwohl ich Chemie in der Schule gehasst und mir die ersten beiden Blockstunden lieber mit einem Nickerchen in der letzten Reihe vertrieben habe *lach* Von daher möchte ich jetzt schon gerne wissen, wie und warum das Viskosimeter explodiert ist?

    Ganz liebe Grüße in den hohen Norden – ich schick Dir etwas Sonne, damit Du mit Paule nach Warne an den Strand kannst 😉

    1. Naja, nur leicht zensiert und den Post kam ja auch zuerst. Eigentlich wollte ich noch etwas provokanteres nehmen, aber dann rennen mit nachher noch die Tierschützer die Türen ein 😉

      Die Apparaturexplosion war eigentlich nicht so dramatisch, denn zum Glück hatte ich schon genug Messpunkte für meine Arbeit zusammen. Die Geschichte ist schnell erzählt: Die Apparatur war freischwingend aufgehängt, d.h. zum Befüllen mit den Messsubstanzen mußte der Glasbläser kommen und Zuleitungen ranschmelzen. Dabei kann es passieren, dass etwas Luft in den Füllkörper eindringt und das war hier der Fall. Wir haben organische Mischungen gemessen, u.a. Methanol, in Anwesenheit von Sauerstoff fängt das Zeug beim hochheizen irgendwann an zu brennen und das sprengt den Messkörper. Wir hätten etwas ahnen können, denn die Messwerte waren zu hoch, sowohl ich als auch die Laborantin, die an dem Tag gemessen hat, haben es verpeilt und das wars dann.

      PS: Die Sonne ist noch angekommen, leider mußte ich da aber schon wieder zurück an den Rhein.

  2. Paule, sitting next to a half-bottle of ethanol … who’d have thought it? Thank you for sharing. I can almost smell the the lab … they are distinct no? With the sweet aromatics of volatiles floating about … they never really fade … more they emanate after infusing the synthetics in the walls and doors.
    I distinctly remember my university zoology days of fishing in vats of formaldehyde for our uncompleted dissection specimens … the smell of the wax and that no matter how you washed your hands. The drawings and the concentration as you bent over following a small nerve or conduit.
    Thank you 🙂

    1. Oh yes, there is certainly a very distinct spell in each lab and over the years it spreads across the whole building, even in the newer once that are equipped with much powerful fume hoods. I still remember summer days that were so hot that the air condition couldn’t keep up, the air was full of ether and chloroform vapour you could seem them creeping out of the bottles. But I also noticed quiet often that after a while you don’t really smell it anymore, get used to it, just to wonder about visitors wrinkling their noses after the first sniffs.

      Your comment on specimen preserved in formaldehyde triggered some more memories…I spent the first 6 school years in an old school built in the 1930s, this was before the wall came down in Germany and I grew up in the East. There were special rooms for natural science which looked like university lecture halls and the biology room had a special compartment for shelves full of glasses with preserved animals, always felt a bit like a little horror shop. the school also had a wonderful small library but this is a story for another time.

  3. Tja Erinnerungen… sie kommen und bleiben. Herrlich. Oder? Die Fotos sind super. Diese Tonung – 1a. Mit Stern. Passt perfekt zur Labor-Umgebung. Ich bin beeindruckt.

    Grüsse
    Jan

    1. Ja, es ist schon herrlich manchmal und ich erinnere mich oft an so viele Kleinigkeiten. Nicht alle Erinnerungen sind gut, doch das gehört zum Leben dazu, ist ein Teil von mir. Übrigens auch etwas, dass ich in Deinem Blog so mag, dieses Zurückblicken manchmal und dann wieder mitten im Hier und Jetzt sein.

      Freut mich mich sehr, dass Dir die Bilder so gefallen und macht mich irgendwie ein bißchen verlegen. Denn die letzten beiden, ohne den Hasen, sind eigentlich nur schnelle Schnappschüsse mit dem Handy. Ich teste gerade eine neue App und viele Filtereffekte kriege ich so in Photoshop einfach noch nicht hin. Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit für Laborbilder gehabt, vielleicht ein anderes Mal.

      Sei lieb zurück gegrüßt,
      Viola

  4. Wow, die beiden FOtos unten. Wie aus einem FIlm oder so. Sehr, sehr gelungen(e Bearbeitung)!

    1. Ja, sekundenschnelle Bearbeitung vor allem, ein Lomofilter der Camera 360 App auf meinem Handy 🙂 Ich wünschte, ich würde das so auch mal in Photoshop hinbekommen. Wenn ich nur wüßte, wie.

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