Rundherum im Juli

Wieder einmal wird es Zeit, sich einer neuen Bilderserie für das Projekt Rundherum zu widmen, sogar ziemlich dringend in Anbetracht der Tatsache, dass der aktuelle Monat schon so gut wie vorbei ist. Für den Juli hatte uns  Projektinitiatorin Paleica das Thema „Zwei“ vorgegeben und im ersten Moment kam mir dazu der Gedanke, ich könnte doch einfach an die Motive vom letzten Monat anknüpfen und eine bunte Mischung an Schuhpaaren zeigen. Aber manchmal ist das naheliegendste nicht unbedingt das beste und so überlegte ich noch ein bißchen weiter, wie ich mich denn sonst noch diesem Thema fotografisch nähern könnte und was es eigentlich für mich persönlich bedeutet und symbolisiert.

Wie meine erste Schuhassoziation zeigt, verbinde ich den Paarbegriff mit der Zahl Zwei und das liegt in erster Linie daran, dass ich als Zwilling geboren wurde und somit bereits mein ganzes Leben lang Teil eines Paares bin. Ob die gemeinsame Zeit im Bauch meiner Mutter meinen Bruder und mich mehr verbinden als andere und irgendwelche Eindrücke oder Erinnerungen hinterlassen haben, läßt sich schwer sagen. Genauso wenig kann ich beantworten, ob wir uns als Zwillinge besonders nahe oder näher als andere sind, dazu fehlt mir vermutlich auch ganz einfach der Vergleich. Es wäre sicherlich spannend gewesen, dieses Thema mit Bildern von uns beiden umzusetzen und ich habe meinen Bruder sogar neulich noch bei unseren Eltern getroffen, doch neue Bilder für den Blog zu machen würde er mir niemals erlauben, er läßt sich sehr ungern fotografieren, so wie ich früher. Natürlich habe ich alte schwarz/weiss Fotos von uns als Kindern, doch die habe ich ja nicht gemacht, insofern würde auch das nicht funktionieren. Spazierengehende Paare aus der Ferne betrachtet abzulichten, mit reichlich Unschärfe, um Anonymität zu wahren, kam mir ebenfalls in den Sinn, scheiterte aber am Zeitmangel. Und so wurde es am Ende eine sehr schlichte Umsetzung, inszeniert daheim mit Fundstücken vom Rhein, die ich vor ein paar Wochen gesammelt habe als Ergänzung zu einem Stein, den ich bereits seit mehreren Jahren besitze (in der Kollage zweite Reihe rechts). Inspiration dafür waren das Bild und die wundervollen Worte von Geoff in seinem Post ‚Found Stones‘, an die ich denken mußte, als ich dort am Wasser war.

In jedem dieser Steine erkennt man deutlich die Einschlüsse eines anderen Gesteins auch wenn sie so eng miteinander verbunden sind, das man sie als ein Ganzes betrachten kann. Und vermutlich habe ich sie deshalb auch als Symbol für die Zwei, das Paar gewählt, denn im Grunde verstehen wir darunter eine Einheit. Zwei verschiedene Gesteine, hell und dunkel, schwarz und weiss, Yin und Yang, verbunden zu einem Ganzen, in Licht und Schatten. Jeder einzelne Teil bleibt unverkennbar, individuell, trotzdem halten sie zusammen, bleiben untrennbar verbunden, bis in alle Ewigkeit. Manchmal frage ich mich, ob meine große Sehnsucht nach solcher Verbundenheit und Nähe wohl darin begründet liegt, dass ich als Hälfte eines Paares geboren wurde. Als Kinder waren mein Bruder und ich viele Jahre eine Einheit, zumindest von außen betrachtet. Wir waren die Zwillinge, gingen zusammen in den Kindergarten, verbrachten die ersten 6 Schuljahre in derselben Klasse, hatten die gleichen Freunde und spielten zum größten Teil dieselben Spiele und mochten ähnliche Dinge. Irgendwann endete das und wir begannen uns in verschiedene Richtungen zu entwickeln, bewegten uns immer weiter voneinander weg. Ich war nicht wie er und er war nicht wie ich. Gleichzeitig wuchs in mir das Gefühl der Unvollständigkeit, des Alleinseins, und die Sehnsucht nach einer verwandten Seele, nach jemandem, der mir ähnlich und doch verschieden genug ist um einander zu ergänzen. Zwei Individuen, die sich auf einer Ebene begegnen und zusammen etwas Neues, noch Stärkeres schaffen, das vielleicht sogar für immer Bestand hat. Es kann Ecken und Kanten haben, so wie einige der Steine in meiner Kollage, denn auch die glattesten Oberflächen sind nur durch lange Arbeit des Wassers entstanden, Bewegung statt Stillstand, sich zusammen verändern. Es ist eine alte Idee, ein wiederkehrender Traum, der noch immer einen ganz kleinen Funken Hoffnung enthält. Passend dazu noch eine weitere Kollage mit der Rundumansicht eines besonders schönen, stark vernetzten Steines und ein Zitat von Fritz Perls (‚Gestalt Therapy Verbatim‘ von 1969):

„I do my thing and you do your thing.
 I am not in this world to live up to your expectations,
 And you are not in this world to live up to mine.
 You are you, and I am I,
 and if by chance we find each other, it’s beautiful.
 If not, it can’t be helped.“

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0 Replies to “Rundherum im Juli”

  1. Ich musste genau hingucken, wo die ‚zwei‘ sich hier versteckt hat und muss sagen, ich bin tief beeindruckt von diesem Fotos. Es gefällt mir sehr gut. Eine Collage, die ich mir auch aufhängen würde. Herzliche Sonntagsgrüße, Luise-Lotte

    1. Dankeschön, liebe Luise-Lotte! Manchmal sind meine Interpretationen der Themen ein bißchen subtiler bzw. freier, zumindest versuche ich wenigstens ab und zu nicht das naheliegende, sondern etwas Spezielleres oder eben auch eher Persönliches zu zeigen. Da freut es mich dann umso mehr, wenn die Bilder auch anderen gefallen 🙂

      Sei lieb gegrüßt,
      Viola

  2. Das sind ja wunderschöne Steine und so schön in Szene gesetzt! Ich finde deinen Text dazu sehr nachdenklich und tiefgründig! Vielen Dank fürs Teilen! Ich bin mit dem Monatsthema noch dran und ich bin mit dem Zwillingsthema über meine Kinder verbunden. Es war auch das erste, das mir einfiel, aber es wäre wohl zu nahe liegend. Naja, mal sehen, was es dann wird. Ich hoffe, Anfang der Woche Zeit dazu zu finden. Dass man sich als Teil von jemand oder etwas allein auch sehr einsam fühlen kann, kann ich gut nachvollziehen, auch wenn es mir immer ein Geheimnis bleiben wird, wie man sich wohl als Zwilling fühlt. Wenigstens seid ihr ja noch zweieiig und unterschiedlichen Geschlechts. Meine eineiigen Jungs (jetzt 4 Jahre alt) unterscheiden sich schon seit vor der Geburt und wollen immer wieder anders sein als der andere. Und doch ist es schwer, sie zu trennen. Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich sagen, dass man durch die Einsamkeit hindurch muss, um sich selbst zu finden. Und das wohl immer mal wieder.
    Liebe Grüße
    Silke

    1. Vielen Dank für Deine lieben Worte, Silke.

      Mit zwei Eineiigen Jungs ist es bestimmt total spannend, besonders in dem Alter 🙂 Ich kann Dich aber auch total gut verstehen, dass es für das Thema vielleicht doch zu nah dran ist, vor allem wenn es um Kinder geht. Vielleicht kannst Du es ja indirekt trotzdem irgendwie verarbeiten, über Spielsachen der Kleinen zum Beispiel. Ich bin auf jeden Fall gespannt, was es wird.

      Ganz liebe Grüße zurück,
      Viola

  3. What a beautiful set of stones. I remember you mentioning you collect these ‚intruded‘ stones when I posted Found Stones (thanks for the link btw 🙂 ) but I never realised you had such lovely examples. That said I’m reacting also to the photographic representation of the pieces. The processing into B&W is just super. Just the right amount of blur, detail and contrast … everything really. You could easily print and sell such a piece … either as a six-panel work (a hextych? a sextych? … that doesn’t sound quite right! 😉 ) or individually. I’m sure there’s a style-guru somewhere that would just love them on the wall 🙂

    I like also that you weave the story of twins alike and not alike … like these stones … both angular and worn smooth – small ridges felt under the action of fingers.

    1. Thank you, thank you, thank you. See me smile brightly every time I read your words. Which often is in the middle of the night, by the way 🙂 Sometimes friends say I should think about selling pieces or at least show them to a wider audience in a small excibition or so but I’m not sure yet. There are pieces I feel good about, like these, but still need to think about what I want to do. I saw on your website that you are selling prints via an online platform (I might get one for myself, still need to decide which one though), maybe something like this would be an option. But first I need to finish the city apartment, which will hopefully be pretty much done by the end of August. Then we’ll see.

      As for the collection of stones…Well, when I read ‚Found Stones‘ it reminded me of the intruded one I had which is the one in the middle row on the right. Normally, I rather collect the round pebbles smoothed by the water, got them in white, grey, black and red. So, a little while after I read your post and saw the picture of the two stones, I was down at the river to make pictures with the simple underwater camera and afterwards walked around a bit at the beach and in the shallow water, looking down at the waves, stones and mussels and found myself searching for intruded stones. I found all of the other shown in the pictures and a few more within a very small radius of 1-2 m. And the association with the theme ‚two’…I’m not sure if I remember when that appeared to me. The story is partly about twins and partly about love, soul mates, the special one I’m still hoping to find some day.

  4. ich hab die serie ja schon auf facebook gesehen und ich mochte sie total. die steine wirken, so freigestellt von jeglichem hintergrund, wirklich großartig. toll gesehen und toll umgesetzt!
    und was du über deinen bruder schreibst… hach. ich hab mir immer so sehr einen zwilling gewünscht…

    1. Naja, es ist ja nur zum Teil eine Geschwisterstory, zum Ende geht es wohl eher darum, was ich mir in einer Beziehung wünschen würde, wenn ich denn mal eine hätte… Freut mich sehr, dass Dir die Bilder gefallen. Als ich die Steine vor ein paar Wochen gesammelt habe (als ich mit der Unterwasserkamera am Rhein war), hatte ich dieses Ergebnis bei Weitem noch nicht im Sinn. Ist schon spannend, was einem dann plötzlich für Ideen kommen. Es sind übrigens noch nicht alle Bilder bzw. Steine, vielleicht leg ich später noch was nach. Oder in Flickr. Neuer Monat, neues Thema, neue Ideen 🙂

      1. ich finds auch toll was manchmal einfach so zufällig entsteht. auch meine superman-umsetzung ist mir erst nach der bearbeitung gekommen. aber das ist ja das tolle an der fotografie, man lässt sich leiten und nachher findet man wieder ganz andere zusammenhänge.

        ja, neues monat – neues thema – und auf deine umsetzung bin ich schon seeeeehr gespannt!

        1. Oh ja, ich bin selbst auch sehr gespannt, was es dieses Mal wohl werden wird. Ich hab wie immer schon Ideen, aber wer weiss, wer weiss was mir noch so über den Weg läuft 🙂

  5. Ich sehe hier zwar nicht unbedingt einen Link zu ‚Zwei‘, aber die Steine und folglich auch die Bilder, gefallen mir sehr gut 🙂

    Ich bin übrigens auch ein Zwilling und meine Zwillings-Geschichte ähnelt Deiner ziemlich.Aber im Gegensatz zu Dir hatte ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, als mein Bruder und ich uns in völlig, aber sowas von völlig unterschiedliche Richtungen entwickelte. Im Grunde genommen waren wir – als Kinder – zwar untrennbar, aber doch irgendwie zusammen allein. Wir waren beide etwas wie Einzelgänger. Ich weiß nicht, ob er es immer noch ist, er hat geheiratet, Kinder gekriegt, wurde geschieden… Ich für meinen Teil bin immer noch kein ‚Rudeltier‘ und werde das wohl auch zeitlebens bleiben. Aber hey – es geht mir gut! *lach*

    1. Ach, das macht nichts, es war ja wieder eine eher freie, persönliche Interpretation und wenn Dir die Bilder gefallen, reicht mir das auch völlig 🙂

      Interessant, Deine Zwillingsgeschichte. Es ist schon komisch, wie viele es von uns gibt, sogar in meinem sehr kleinen Studienjahr an der Uni waren wir drei halbe Zwillingspaare. Untrennbar waren mein Bruder und nicht als Kinder nicht, höchstens für die Außenwelt betrachtet und ich glaube wir sind beide nach wie vor in gewisser Weise Einzelgänger und Rudeltiere zugleich. Sternzeichen Löwe, erklärt vielleicht einiges. Zusammen alleine sind wir doch irgendwie alle. Aber wie Du am Schluss sagst: Es geht uns gut!

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