Projekt Dualismus – Bescheiden

Eine weitere Woche ist vergangen, in der der Herbst wieder einmal alle Register gezogen, uns mit einem noch größeren Farbenrausch beschenkt und goldenem Sonnenlicht verwöhnt hat. Doch bevor ich gleich nach draußen begebe, um die wundervolle, warme Luft zu geniessen, möchte ich zuerst einmal meinen zweiten Beitrag zu Michel’s Projekt Dualismus veröffentlichen, den Gegenpart zur theatralischen Seite, die am letzten Sonntag hier den Auftakt machte. Ich gebe zu, mir schwebten hierfür einige Begriffe im Kopf herum, die es irgendwie zu beschrieben schienen, was mir durch den Kopf ging und gleichzeitig auch zu – bodenständig, solide, genügsam, unkompliziert, bescheiden.

Wenn ich sage, der Herbst ist bescheiden, vergleiche ich ihn auch mit den beiden vorangegangen Jahreszeiten, dem empfindlichen Frühling, in dem plötzliche Wetterumschwünge in kleinen oder großen Katastrophen enden können, und dem so viel verlangenden Sommer, bei dem alles immer größer, schöner, besser zu sein scheinen muss. Im Herbst beginnt der Rückzug der Natur, das Wetter ändert sich von einem Tag auf den anderen, Sonne, Regen, Wärme, Kälte, es ist ein ständiges Hin und Her, dass er ohne Grummeln wegsteckt. Er macht sich die guten wie die schlechten Tage zu Nutzen, hat nichts zu verlieren, der Sommer ist vorüber und der Winter kommt sowieso. Der vom Sommer noch warme Boden kann nicht nur problemlos mit noch so großen Wassermassen fertig werden, sondern nimmt gleichzeitig auch Nährstoffe auf, die von den verwelkenden Blättern abgegeben werden. Er macht Raum für herabfallende Samen und Früchte, dient als Herberge für zahlreiche Blütenknollen, die dort bis zum nächsten Frühling auf ihren großen Auftritt warten, und läßt gleichzeitig die zahlreichen Boten des Herbstes aus dem Erdreich sprießen. Man sieht sie oft kaum, vielleicht nur aus dem Augenwinkel, sind sie doch ganz unscheinbar in graue und braune Gewänder gehüllt, verstecken sich unter Sträuchern, zwischen Bäumen und inmitten von bunten Laubbergen, fernab der Sonne führen sie ein Schattenleben, so scheint es. Die einfache Form und vielleicht auch unübertroffene Schlichtheit eines Pilzes, der zwischen den Gräsern hervorlugt, ist für mich ein schönes Symbol dieser Seite des Herbstes.

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20 Replies to “Projekt Dualismus – Bescheiden”

  1. Ein sehr spannendes Paar. Und so nachvollziehbar, obwohl ich selbst nicht drauf gekommen wäre.
    Aber auf der einen Seite, die Pauken und Trompeten, die farbenfroh den Untergang feiern. Und auf der anderen Seite die Kleinen, unscheinbaren, aber vielfältigen, zarten und wunderschönen, die sich eigentlich nicht zu verstecken bräuchten, es aber trotzdem tun.
    Ich bin begeistert.
    LG Michel

    1. Das freut ich sehr, Michel. Und es ja vielleicht auch gerade das, was den Reiz solcher Projekte ausmacht. Die Dinge um uns herum mit mehreren Augen aus den verschiedensten Perspektiven zu betrachten.

      Lieben Gruß zurück,
      Viola

  2. Ich auch! Der Text ist 1A! Das passende Bild dazu natürlich auch. Ihr Zwei, Michel und Ola, Ihr seid ein poetisches Traumpaar 😉

    1. Vielen Dank, Ruthie. Das hast Du aber schön gesagt, da werd ich gleich ganz verlegen 😉

  3. text und bild sind perfekt. ich bin auch ganz hingerissen!!

    1. Ich danke Dir und freue mich sehr, dass Wort und Bild zusammen (auch) gefallen.

  4. Ich muss schmunzeln…… habe ich fast das Gleiche wie du als Gegensatz
    Gefällt mir prima! Lieben Gruss – sonja

    1. Ich hab’s ja inzwischen auch gesehen und ebenfalls geschmunzelt. Es ist natürlich immer spannend, andere Blickwinkel zu sehen, aber solche zufälligen Gleichheiten oder Ähnlichkeiten haben auch so ihren Reiz.

  5. Passt! ….zum theatralischen Bild als Gegenstück und auch zu Deinen Worten. Auch hier gefällt mir wieder besonders gut die gewählte Perspektive, (ein Gegenstück zu meinem Bild 😉
    lieben Gruß
    Karin

    1. Danke, Karin. Das mit der Perspektive ist schon witzig, denn in diesem Herbst schaue ich eigentlich die meiste Zeit nach oben, in die bunten Baumkronen und das Licht. Wie in Deinem Bild. Normalerweise bin ich aber doch eher unten am bzw. auf dem Boden unterwegs 🙂

  6. Die Mischung aus deinen Bildern und Worten sind absolut stimmig und mir gefällt das Paar sehr gut
    Liebe Grüße
    James

    1. Vielen Dank, James, und herzlich willkommen hier bei mir.

      Lieben Gruß zurück,
      Viola

  7. Sehr schön beschrieben der wetterliche Herbstumschwung… ein klasse Text und ein einfaches, aber schönes Naturbild! 🙂

    LG Mark

    1. Vielen Dank, das freut mich sehr. Die einfachen Dinge verdienen auch ihre kleine Momente im Rampenlicht.

  8. Ich kann mich den Meinungen nur anschließen 🙂 tolles Bild welches zu dem Text ganz wunderbar passt

    1. Hach, ich finds echt schön, dass euch auch der Text gefällt, es gehört ja beides zusammen. Danke 🙂

  9. […] ray |Geklickt| bezüglich des herbstprojektes bei MüllersSicht  gabe es wieder tolle beitrage bei ola’s welt, carinas foto blog und follygirl’s photoblog und sonjas perspektive, james, aumangea, jana, […]

  10. Deine einleitenden Worte bilden eine wunderbare Harmonie mit dem Foto. Bei meinen Versuchen Pilze zu fotografieren ärgere ich mich oft, weil ich den Pilz durch das viele drumherum nicht schön Freistellen kann. Mir gefällt es sehr, wie du das drumherum mit ins Bild einbezogen hast. Die Farben sind eine wohltat – richtig herbstlich.
    Gruss Claudia

    1. Vielen Dank, Claudia. Ich glaube, der Pilz im Bild stand sogar relativ frei, ich fand es so vom Boden aus aber spannender, vielleicht auch, weil ich gerade für Michels Projekte noch eher mit Unschärfe spiele als normal. Ich hatte übrigens ursprünglich ein anderes Pilzbild in der Auswahl, habe mich dann aber wegen der herbstlichen Farben für dieses Bild entschieden.

      Ich habe neulich auch schon einige Kommentare gelesen, in denen beklagt wurde, dass die gefundenen Pilzmotive oftmals zerfressen waren, doch das kann im Bild bestimmt auch klasse aussehen, je nachdem, wie man es umsetzt. Vieles ergibt sich auch einfach aus dem Moment, ganz überraschend.

  11. […] theatralisch und bescheiden // Bewegend und still // Anfang und […]

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