Tunnelblick und Singularitäten

Es ist ein Bild, das ich schon seit ein paar Monaten immer wieder vor Augen habe und das bisher doch noch nicht so wirklich hineinpassen wollte, weil irgendwie die Worte fehlten oder zumindest ein Teil des Puzzles. Doch vorhin auf dem Heimweg vom Büro, während ich in der Dunkelheit durch die Pfützen stampfte und in aller Eile einmal schnell durch den einem Lichttunnel gleichenden Bahnhof huschte, sponn sich der Faden plötzlich weiter und fügte noch den einen oder anderen Gedankenknoten hinzu. Denn bevor ich an den Weg durch den Tunnel denken kann, versuche ich mich zu erinnern, wie es sich anfühlte, damals, in einem der immer wiederkehrenden Löcher in die ich bisher so gefallen bin. Da gab es Löcher, die noch nicht sehr tief waren und für die eine helfende Hand oder ein kräftiger Sprung schon ausreichte, um mich wieder hinauf und über den Rand hinaus ins Licht zu schleudern. Es gab auch einige mitteltiefe, aus denen ein Entkommen schon etwas schwieriger war, vielleicht zu vergleichen mit dem Emporklettern an einem heruntergelassenen Seil, das jemand oben ganz fest umklammert hielt und gleichzeitig versuchte, es Stück für Stück wieder hinaufzuziehen, um mir den Weg zu verkürzen. Und dann gab es noch dieses eine, ganz besonders tiefe und dunkle Loch vor vielen Jahren, in das nur noch Spuren von Licht und Bruchstücke von Worten reichten und ich versuchte mir vorzustellen bzw. mich zu erinnern, wie ich dort eigentlich wieder heraus gekommen bin. In den Sinn kam mir dabei das Bild einer tiefen Grube im Erdreich, die vielleicht im ersten Schritt etwas erträglich wird, wenn man den Raum um sich herum erweitert und damit beginnt, einen Teil der umgebenden Wand abzutragen. Auf den zu Boden fallenden Bruchstücken der alten Mauern schafft man es dann, ein kleines Stückchen weiter nach oben zu klettern und stößt auf das nächste Stückchen Raum, das erweitert werden möchte usw.  Und auch wenn man weiß, dass man dabei erst einmal auf sich selbst angewiesen ist, für sich selbst kämpfen muß, so ist es gut, wichtig und oftmals auch notwendig, dass dort oben am Rande des Loches, im Licht, jemand ist, der einem Halt gibt und der stark genug ist, um nicht selbst zu fallen oder sich hinunter ziehen zu lassen. Jemand, den man erst laut genug rufen muß, auch wenn man manchmal mehr Angst davor hat als vor der Dunkelheit.

Inzwischen habe ich ein bißchen Übung und schaffe es meistens, gar nicht erst wieder so tief zu fallen und trotzdem ist das Leben wohl alles andere als ein unbekümmerter Spaziergang auf sicherem Terrain. Es gibt immer immer Spuren von Dunkelheit, zaghaftes herantasten,  Verstecke an verschiedenen Orten, zwischen Buchstaben und Wörterzeilen, das auf- und abbauen von Mauern aus Glas, Holz, Stein oder dem härtesten Stahl, den man sich nur vorstellen kann. Doch anders als die Hilflosigkeit und Immobilität, die der plötzliche Fall in ein Loch verursachen kann, ist es nun vielmehr der lange Gang durch einen Tunnel. Ein Gang, von dem man nicht genau weiß, wie lange er dauern wird, ein Gang, bei dem man zwar auch umgeben von Mauern ist, jedoch mit der Gewißtheit, das sowohl vor als auch hinter einem die Freiheit und das Licht warten, auch wenn man sie manchmal nicht sehen kann. Es ist ein Weg in eine Welt mit weniger spürbaren Mauern, der nicht durch vollkommene Dunkelheit führen und den man oft auch nicht völlig allein beschreiten muß, weil schon viele andere vor einem dort waren, Fragen stellend auf der Suche nach dem was noch fehlt. Immer weiter vorwärts, weil jede Bewegung besser ist als der Stillstand.

No light at the end of the tunnel

Wenn ich an Tunnel denke, die im Licht beginnen und auch im Licht wieder enden, irgendwo auf der Welt, muß ich auch an ganz bestimmte Tunnel denken, sie sich unter der Erde befinden und weder Anfang noch Ende kennen. Sie verlaufen im Kreis herum und dienen dazu, zwei gegenläufige Teilchenstrahlen zu beschleunigen. Inmitten eisiger Kälte, ganz knapp über dem absoluten Nullpunkt werden sie von unzähligen Magneten auf der Bahn gehalten, bis zu dem Moment, in dem sie genug Geschwindigkeit und Energie haben um miteinander vereint zu werden. Es ist eine Begegnung, von der man viel erwarten und erhoffen kann, die einem möglicherweise alle lange gesuchten Antworten liefert oder aber auch völlig neue Fragen aufwirft. Die alles verändern kann, aber nicht muß. Ich bin mir sicher, das geht sicher auch ohne eine milliardenteure, unterirdische Riesenmaschine, aber ich konnte mir als Naturwissenschaftler und Teilchenbeschleunigerfan den Vergleich einfach nicht verkneifen.

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5 Replies to “Tunnelblick und Singularitäten”

  1. Dein Foto zum Text ist wunderbar.

  2. ich finde das bild wunderschön und wie üblich geht mir dein text sehr nah, weil mir diese dinge sehr bekannt vorkommen. ich bin früher mehr innerhalb dieser löcher unterwegs gewesen als außerhalb, dann kam eine lange zeit ohne tiefe fälle und nach der trennung damals war das loch tiefer und dünkler als ich es mir hätte vorstellen können. man kann nur hoffen, dass man durch die erfahrung lernt, besser damit umzugehen, sich schneller aufzurappeln. dir ist es ja anscheinend schon gelungen – ich könnte bei mir nicht die hand dafür ins feuer legen. ich frage mich oft, warum so viele andere leute diese löcher gar nicht kennen.

    1. Ja, es ist nicht immer leicht mit diesen Löchern, zumal sie in meinem Fall auch meistens ohne Vorwarnung bzw. konkreten Auslöser auftraten. Sicher kann ich damit heute etwas besser umgehen, aber da steckt auch sehr viel Arbeit drin und ich hatte jahrelang intensive Hilfe dabei. Ich denke, es wird vielleicht auch ein bisschen besser mit dem Alter, mit Veränderungen in den Lebensumständen und im Umfeld. Und die vergangenen schlechten Zeiten sind immer auch ein bisschen Anreiz dafür, es in Zukunft besser zu machen und mehr auf sich zu achten, weil man eben weiß wie es sein kann und dorthin nicht zurück möchte.

      Ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich jemanden gibt, der solche Löcher nicht kennt. Ich glaube es ist eher so, dass manche Menschen sie einfach bewusster wahrnehmen und mehr darunter leiden, während andere es vielleicht eher ignorieren oder versuchen, alle negativen Gefühle zu betäuben, mit Alkohol oder Drogen zum Beispiel. Manche spielen halt sehr gut Theater oder finden sich vielleicht auch damit ab, geben auf und leben einfach so dahin. Und anderen hauen auf den Tisch uns sagen: Ich will das so nicht. Ich will irgendwann (wieder) glücklich sein und kämpfe dafür, auch wenn dafür das eine oder andere Loch in Kauf genommen werden muss und es manchmal entmutigend und ermüdend sein kann.

      1. ja das stimmt. bei mir ist das auch sehr oft so, dass auf einmal die stimmung absackt und alles nur noch in dunkelgrautönen ist…

        es gibt aber schon viele menschen, die wegen alles und jedem jemand anderem die schuld geben und sich dadurch leichter abgrenzen können, weniger reflektieren und einfach mehr ‚an der oberfläche‘ leben. ich glaube, dann ist man vor solch tiefen löchern auch etwas mehr gefeit…

        ja, das möchte ich acuh zu gern… aber da gilt es noch dinge zu überwinden, von denen ich noch nicht weiß, wie man sie hinter sich lassen kann.

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