[10/52] Eine Geschichte unerlebter Momente

Manchmal, wenn man glaubt, man hätte wirklich an alles gedacht, mit allem gerechnet und sich bestmöglich vorbereitet, macht einem das Universum in letzter Minute doch einen Strich durch jede auch noch so sorgfältig geschriebene Rechnung. Als ich am Anfang der Woche die ersten Anzeichen einer aufkeimenden Erkältung bemerkte, hoffte ich noch, dass ich vielleicht mit einem einfachen Schnupfen oder Husten davon kommen würde, wenn ich es ruhig angehen lasse und ein bißchen vorbeuge. Schließlich hatte ich ja auch keinen mehrwöchigen Abenteuerurlaub, sondern nur einen kurzen Trip nach London gebucht. Ein bißchen arbeiten im Büro, den Kontakt zu den Kollegen auffrischen, mit Freundinnen Mittagessen gehen, durch die Strassen der Stadt schlendern und aus einer ruhigen Clubecke den Jungs von Triggerfinger und The BossHoss bei ihrer vermutlich weniger ruhigen Show zusehen. Das die ganze Reise wackelt, habe spätestens am Mittwoch gemerkt, als meine Bronchien anfingen zu rebellieren und das Denken schon etwas schwieriger wurde. Ich habe trotzdem meinen Koffer gepackt, brav Medikamente geschluckt, versucht möglichst viel Ruhe zu bekommen und auf eine nächtliche Wunderheilung gehofft. Leider vergeblich.

Bis zum Bahnhof habe ich es geschafft, ein Fussweg von 10 Minuten. Durchgeschwitzt und völlig erschöpft stand ich auf dem Bahngleis, die S-Bahn hatte Verspätung, die Zeit wurde immer knapper und was ich in den Bildern des Gedankenkarussells an mir vorbei rauschen sah, erfüllte mich nicht unbedingt mit Freude. Krank in einem Londoner Hotelbett zu liegen, so hatte ich mir die Reise wirklich nicht vorgestellt, doch genau so wäre es gekommen. Und so habe ich kehrt gemacht, die S-Bahn fahren und das Flugzeug ohne mich fliegen lassen, die Hotelbuchung storniert und Freunden abgesagt. Dann bin ich zurück ins Bett gekrochen und sehr, sehr lange dort geblieben. Die meiste Zeit der vergangenen 4 Tage habe ich nur die Innenseite meiner Augenlider gesehen, die Dunkelheit der Traumwelt, die ab und zu von meinem Husten und Niesen erschüttert wurde. Und auch wenn es ein paar Momente des Bedauerns und der Trauer gab, über alles das Versäumte und die entgangenen Augenblicke, so war ich meistens eher froh darüber, nicht gefahren zu sein. Im gewohnten Umfeld, zwischen Bett und Sofa, pflegt es sich doch viel leichter gesund und so langsam sehe ich auch ein Licht am Endes des Tunnels. London läuft mir ja auch nicht weg, Triggerfinger habe ich ja gerade erst vor 4 Wochen live spielen sehen und die Cowboys müssen nun halt bis zum Oktoberkonzert in Berlin auf mich warten.

Doch ein kleines Problem gibt es am Ende der Woche dann doch, denn ohne Reise stehe ich auch erst mal ohne Fotos da und ein Bild brauche ich ja auf jeden Fall für mein 52 Wochen-Projekt. Natürlich hätte ich schummeln und ein Archivbild nehmen können. Oder auch einfach nächste Woche zwei Bilder hochladen. Als ich gestern nachmittag jedoch mit der Kamera in der Hand im Wohnzimmer stand, fiel mein Blick auf die alte Mercedes Schreibmaschine in der Ecke. Ich dachte an all die kleinen und großen Wortgesten von Freunden in den vergangenen Tagen und daran, dass es immer schön ist, wenn aus weiter Fremde Trost gespendet und aufgemuntert wird, mit Hilfe von klappernden Tastaturen oder geschmeidigen Touchscreens. Ich erinnerte mich auch an die vielen kleinen Momente, in denen ich zwischen all dem Niesen und Röcheln schmunzeln mußte und von kleinen gelben Smileys angelächelt wurde. Solange es Worte gibt, ist alles gut. Und wenn Worte versagen, gibt es Bilder.

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13 Replies to “[10/52] Eine Geschichte unerlebter Momente”

  1. ein tolles foto und ein wunderbarer text. ich weiß genau was du meinst, ich habe letzte woche auch einen haufen dinge abgesagt, auf die ich mich wochenlang gefreut habe – aber dieser virus, der da die runde macht, ist leider nicht nur eine harmlose erkältung und da kann man dann einfach nix machen außer dem körper die ruhe zu geben die er braucht um sich wieder zu erholen.

    1. Danke 🙂

      Ist echt blöd zur Zeit, irgendwie sind alle krank und der Winter hat sich offenbar auch noch nicht genug ausgetobt. Ich werd mal schauen, ob es morgen auf Arbeit geht, ansonsten muß ich mir vom Arzt ne Krankschreibung holen. Momemtan bin ich noch etwas schlapp, aber es scheint, als wäre das größte Übel überstanden. Hurra!

      1. bist du denn nun wieder gesund?
        ja, dieser winter hat den meisten viel abverlangt – bei uns war es der düsterste winter seit 110 (!!!) jahren (!!!) !!!

        1. Ja, ich bin wieder gesund. Waren im Grunde nur die 4 Reisetage an denen ich so richtig flach gelegen hab. Letzte Woche nur noch ein leichtes Erkältnungsnachbeben und nun ist es schon wieder das dunkle Wetter, das mir zu schaffen machen. Langsam reicht’s wirklich.

      2. das glaub ich dir gern. bei mir auch, aber bei uns kommt der frühling jetzt, ich bin überzeugt, dass die große kälte geschafft ist.
        dass das timing so gefallen ist ist wirklich blöd /: ich konnte meinen kurzurlaub in tirol zum glück machen, ich musste nur das theater und diese ganzen dinge die cih geplant hatte absagen…

  2. Hallo Ola,
    Dein Wortfluss ist kurzweilig, spannend und lesenswert: Auf Deinen Blog bin ich zufällig geraten und hängen geblieben wohl deshalb, weil mich interessierte, wer in diesen farbenfrohen Turnschuhen durchs Leben zieht… Ich wünsche Dir gute Besserung; drücke Dir die Daumen und klicke auf „Follow“, in der Hoffnung, dass Dir weitere unterhaltsame Kurzgeschichten gelingen…

    1. Oh, ich glaube, mit meinen Schuhen habe ich bisher noch niemanden hier her locken können 🙂 Herzlich willkommen und vielen Dank für die lieben Worte. Ich hoffe, ich werde Dich nicht enttäuschen.

  3. Meine Liebe, das hast Du soooo schön geschrieben, auch wenn der Hintergrund ja eher ein trauriger ist. Ich schicke Dir auch hier nochmal eine wilde Umärmelung und die besten Genesungswünsche! :-*

    1. Vielen, vielen Dank nochmal, Süsse. Ich drücke Dich ganz doll zurück. Mir geht es heute schon viel besser, ich hoffe, Dir auch.

  4. Hey, sorry to hear you been laid low and feeling crappy … especially when such good sounding travel plans were afoot. Hope this finds you feeling better. I like your new avatar too 🙂

    1. Thank you, Geoff 🙂 I’m feeling much better than last week and the cold is as good as gone.

      I was so hesitant about this trip at first so maye it just wasn’t meant to be. I’m thinking a lot about travelling at the moment, there are so many places I want to see or return to, and still I’m not sure if this is really what I want to do. There is no rush, time will show.

  5. BILDer sagen mehr manchesmal aus….wie zuviel unnötige geschriebene WORTe….dein Geschriebenes dazu passt in diese ZEIT……wünsche dir ein schönes osterFEST…LG ANDREA:))

    1. Vielen Dank, Andrea.
      Liebe Grüße zurück und auch Dir schöne Osterfeiertage. Viola

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