[22/52] One Day Words

Ich bin spät dran, ich weiß. Und es ist durchaus ein wenig ironisch, denn ich habe während meines kleinen Wochenendtrips zu Freunden einiges erlebt und auch jede Menge Fotos mitgebracht. Am Sonntag, während meiner Rückreise am Nachmittag und auch beim Sichten und Bearbeiten der ersten Bilder auf dem Sofa, war ich mir noch so sicher, dass schon etwas passendes dabei sein würde, um die vergangene Woche zu beschreiben oder zumindest in irgendeiner Weise zu kennzeichnen. Aber es sollte einfach nicht sein, alles drehen und wenden nützte genau so wenig wie das noch einmal darüber schlafen, das größte Thema dieser Tage konnte ich bei bestem Willen in keins der frischen Bilder hinein reden. Umgekehrt läßt sich zwar meistens zu einem gewählten Bild eine Geschichte zurecht rücken, doch dieses Mal funktionierte auch das nicht. Zu frisch war noch die Erinnerung an den Kampf mit dem inneren Schweinehund und das Ringen mit den umherschwirrenden Worten, die sich partout nicht auf der unendlichen Weite eines leeren Word-Dokumentes zu einem Leitartikel für unseren Monatsendbericht zusammenfügen wollten. Es nützte natürlich auch nichts, dass ich die zu Grunde liegende Analyse schon seit 2 Monaten fertig hatte und die Erfahrung vor sich hin summte, wie schnell doch so ein paar hundert Worte zusammengetippt sein können. Es gibt eben Zeiten und Gelegenheiten, da tanzen die Buchstaben förmlich über das Papier, drängeln sich vor und formieren sich in Windeseile immer wieder neu, Reihe um Reihe, Absatz für Absatz. Und auch solche schwierigen Zeiten, wenn sich die Finger förmlich vor der Tastatur sträuben und selbst die Gedanken mit allen Mitteln versuchen, sich der Niederschreibung zu widersetzen, sich in Schleier hüllen oder mit kunterbunten Masken tarnen. Diese kleinen Dramaqueens machen gerne mal Theater, nur um dann im letzten Moment doch noch zu kooperieren.

Mein kleines Wörterchaos wollte ich daher in irgendeiner Form in einem Bild verarbeiten, auch wenn ich dafür ein bißchen die Zeit verdrehen und schummeln mußte, denn mein Terminkalender ließ es leider nicht anders zu. Ausgangsbasis für den im Foto der Woche gezeigten Wortsalat war eine Tageszeitung von gestern, also schon dem Montag der 23. Woche, mit Neuigkeiten aus den letzten Tagen der 22. Woche. Ich schnappte mir eine Schere und ging einmal durch die ganze Zeitung, sammelte in ca. 20 Minuten all die Worte ein, die mir sofort ins Auge sprangen, eins nach dem anderen, Seite für Seite. Da lag sie nun also, die Essenz eines Tages, in Schnipseln auf meinem Küchentisch. Nur noch schnell ein wenig durchsortiert, alle Buchstaben nach oben gedreht und schön querformattauglich arrangiert, dann hat’s auch schon ‚Klick‘ gemacht. Und nun habe ich so das Gefühl, dass es vielleicht ganz spannend wäre, das Ganze irgendwann mal wieder zu wiederholen. Um zu sehen, ob ich die gleichen Wörter wählen würde oder das entstehende Buchstabengewirr plötzlich ein ganz neues Bild ergibt, an einem anderen Tag, zu einer anderen Zeit und vielleicht auch mit einer anderen gedruckten Wörtersammlung.

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8 Replies to “[22/52] One Day Words”

  1. Oh … I think you’ve created something special here V 🙂
    Even though I cannot read it (my friend the google translator would find this one tricky!) … I find it beautiful … very nicely done!

    1. Thank you, Geoff! The idea originally came from my struggling with words while writing an article in English at work which was more a problem of the matter and didn’t really allow for the use of the words I finally picked from the newspaper to create this picture. I was actually thinking of you when I did the snipping and sorting, aware that it will likely be impossible to grasp for non-German speakers. So, below I will add some translations (top to bottom, left to right) which will not really draw the same picture but at least give you some idea (s):


      fight. not again. out of the bed.
      unrest. fail. argument. enough. home.
      night. desasters. in the dirt. how are you? dying.
      trace. ideas. individuals. step by step. hurt.
      the voices of others. rambles. today. nowhere.
      memory. power games. time. mad.
      tempting. chance. defeat. fragile.
      present. mood. sex. the right thing. angst.
      immortal. error. disentchantet. choice. signs.
      awakening. flaw. universe. being. solution
      passion. the air to breath. criticism. finally!
      running away. sensitivity. meander. demanding.
      tomorrow. not that bad. questions.
      conflict. without end. promises. happening.

      And like I wrote at the end, I might repeat this in the future, maybe even with an English newspaper 🙂

  2. Thank you! I like that you chose these whilst in that minor trance that comes with concentration (playing with scissors always cause that in me … generally with a tongue sticking out unawares too) … it’s a powerful selection of words too … one which the mind tries to form some narrative meaning with thought their essentially random but not quite. It’s the intangibility and fleeting glimpses of meaning that I love about this! Very nice 🙂

  3. liebe ich. wandposterfähig. schrift und foto, eine großartige komposition.

    1. Vielen Dank 🙂 Ich hab gerade so das Gefühl, ich sollte solche Sachen öfter machen und wieder etwas mehr inszenieren, nach Stimmung und Thema. Mal sehen, ob das auch zeitlich klappt.

      1. oh ja das befürworte ich sehr 🙂 wobei im sommer wohl eher solche inszenierungen zu kurz kommen, wenn es draußen soviel zu sehen gibt…

  4. Es is Art, einfach Art. Ich bin jetzt ohne Wörter 🙂 Sehr gut!
    robert

    1. Freut mich wirklich sehr, dass es Dir so gut gefällt. Es ist auch eines meiner Lieblingsbilder aus diesem Jahr bzw. Projekt. Eigentlich wollte ich die Aktion wiederholen und auch von anderen Tagen Wörter aus Zeitungen sammeln, aber dann ist so viel anderes dazwischen gekommen. Vielleicht komme ich irgendwann später darauf zurück.

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