[30/52] Zwei Herzen, zwei Seelen

Sei ein paar Tagen schon schwirrt mir immer wieder ein Gedanke durch den Kopf, ein paar Worte, die so vertraut erschienen und gerade zu perfekt den Wechsel meiner emotionalen Gezeiten zu beschrieben schien. Zwei Herzen schlagen, ach, in meiner Brust. Immer und immer wieder kamen sie mir in den Sinn, diese Worte, und als mir heute bei einem Spaziergang das passende Fotomotiv gewissermaßen vor die Füße fiel, konnte ich es kaum glauben, lächelte vor mich hin und schickte ein dickes Dankeschön an das Universum. Wieder zu Hause machte ich mich nicht nur an die Bildbearbeitung, sondern auch auf die Suche nach der Herkunft dieser Worte und stellte fest, dass mir meine Erinnerung einen kleinen Streich gespielt hat, denn ursprünglich heißt es in Goethe’s Faust:

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen;
Die eine hält, in derber Liebeslust, sich an die Welt mit klammernden Organen;
Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.“

Ich denke, unabhängig von der Wortwahl paßt es von der Symbolik her trotzdem ganz gut zu meinen gemischten Gefühlen in den vergangenen Tagen; Gefühle, die ganz verschiedene Ursachen haben. Obwohl ich in den mehr als 6 Jahren, die ich nun schon fern der Heimat im Großraum Düsseldorf lebe, nie so wirklich Heimweh hatte und die vielen Möglichkeiten und Freiheiten hier sehr zu schätzen weiß, scheint der Glanz des Neuen langsam zu verblassen. Während meiner letzten Besuche in Rostock blickte ich auf dem Weg zum Bahnhof oft wehmütig aus dem Fenster der Straßenbahn auf die im Wasser schaukelten Boote, staunte über die Veränderungen im Stadtbild, dachte voller Sehnsucht an das Meer und fragte mich, ob es wohl irgendwann, irgendwie eine Rückkehr dorthin geben würde. Doch was es dort gibt, hält mich nicht und was mich hier hält, gibt es dort nicht. Zuhause ist für mich kein Ort, sondern ein Gefühl und momentan ist es weder hier noch dort. Unabhängig von dem Ort, an dem wir und unser Lebensmittelpunkt sich befinden, sind es die Dinge, die wir tun, die über unser Wohlbefinden entscheiden, uns festhalten und gleichzeitig auch vorantreiben können. Leider sind die Dinge, die wir haben können, nicht immer auch die Dinge, die wir tatsächlich wollen, uns von Herzen wünschen. Und oftmals verbringen wir unendlich viel mehr Zeit mit etwas, dass wir glauben tun zu müssen, als mit etwas, das uns wirklich Freude macht. Weil wir, obwohl wir die Wahl haben, uns dazu entscheiden zu funktionieren anstatt tatsächlich zu leben, den Mut aufzubringen und etwas zu riskieren. Das gibt zwar Sicherheit, macht aber nicht glücklich. Aber ist es wirklich möglich, das Glück zu wählen? Ich habe da so meine Zweifel, vielleicht fehlt mir aber auch einfach nur der Mut.

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10 Replies to “[30/52] Zwei Herzen, zwei Seelen”

  1. Lese deinen Text gerade nach ein paar achterln Wein und ja, der Faust. Ein berührender Text – wie es die Worte, die du schreibst für mich fast immer sind. Vor allem die Entscheidung für das funktionieren… Ich schicke für ganz liebe Grüße, von weder hier noch dort…

    1. Vielen Dank und ganz viele liebe Grüße zurück. Genieße die Zeit und natürlich auch den Wein 🙂

  2. Ein klasse Text über eine Conditio humana. Es ist immer etwas wie in der Marlboro-Werbung: „Don`t be a Maybe…“
    Wir Menschen haben leider nicht so oft den Mut und die Energie, sinnvolle Veränderungen konsequent umzusetzen.
    LG
    Mark

    1. Oh ja, die Malboro-Werbung, vor der stand ich so einige Male und dachte ‚Wenn es doch nur so einfach wäre‘. Vielleicht kommt ja irgendwann der Punkt, an dem das Festhängen im ‚Maybe‘ so sehr nervt, oder auch langweilt, dass es einfach vorwärts gehen muß. Das auch große und sinnvolle Veränderungen möglich sind, hat sich in der Vergangenheit ja bereits gezeigt.

      Ganz liebe Grüße zurück,
      Viola

  3. Ich komme auch aus Rostock. Bin dann vor 10 Jahren nach Berlin gegangen und seit zwei Jahren in Köln. Ich kenne dieses Gefühl. Für mich ist Berlin zu meiner Heimat geworden, weil es so nah an Rostock liegt und meine Freunde dort leben. Jedoch hat es mich wegen meines Freundes nach Köln verschlagen und ich habe eigentlich ziemlich häufig Heimweh nach Berlin. Aber wenn ich in Rostock zu Besuch war und von dort wegfahre, wird mir auch immer das Herz ganz schwer. Dann frage ich mich auch, ob es wohl irgendwann wieder hierher zurück geht? Ich denke man kann eigentlich alles selbst in die Hand nehmen, aber wie du schon schreibst-es erfordert viel Mut (eine Kollegin sagt hier immer, Mut ist Angst+ein Schritt- kann eigentlich jeder) und manchmal auch Geduld.

    1. Oh, wirklich? Das ist ja ein lustiger Zufall. Ich wollte damals nach der Uni auch erst nach Berlin, weil’s cooler ist, mehr Möglichkeiten bietet und trotzdem noch recht nah an der Heimat liegt. Mit dem Job dort hat es aber nicht geklappt, so bin ich schließlich hier in Düsseldorf gelandet und fand es im Nachhinein fast besser als Berlin, das mir vielleicht doch zu groß gewesen wäre. Aber ich kann total gut verstehen, dass Du es vermisst, es ist eine tolle Stadt und Köln mag ich persönlich ja nicht ganz so sehr. Bei mir ist es aus beruflichen Gründen halt eher unwahrscheinlich, dass ich nach Rostock zurückgehe, vermutlich finde ich eher was in Hamburg oder Berlin. Aber man weiß ja nie, was die Zukunft noch so alles bringt, ich versuche mich da in Geduld zu üben.

  4. Home is where your heart is… <3

    Süße, ich kann das so gut verstehen, mir geht es ähnlich, wenn ich nach Hause – nach Berlin – fahre. Wenn es nach mir ginge, würde ich sofort und ohne zögern wieder zurück ziehen, aber ich habe mich für meinen Helden entschieden und muss nun Kompromisse eingehen. Auch wenn mein Herz oft darunter leidet.

    Dafür planen wir aber gemeinsame Urlaube in Warne – wenn wir da wieder abreisen müssen, bekommt er auch ein schweres Herz 😉 Vielleicht treffen wir uns ja alle in ein paar Jahren gemeinsam wieder – in Rostock! 🙂

    Fühl Dich ganz lieb gedrückt :-*

    1. Ist wirklich komisch zur Zeit, weil ich es wirklich jahrelang garnicht so empfunden habe. Und kommt vielleicht ein bißchen dadurch, dass ich über Facebook so viele alte Freunde aus der Heimat nach vielen Jahren wiedergefunden habe. Da hat man es auch ständig vor Augen. Ich glaube, ich würde Berlin auch sehr vermissen und dabei habe ich noch garnicht so viel davon gesehen. Aber zusammen läßt sich das Heimweg ja vielleicht auch etwas besser ertragen und ihr fahrt ja auch öfter dorthin als ich nach Rostock.

      Ha, ja genau, wir ziehen später alle nach Rostock. Ihr nach Warnemünde und ich an den Stadtrand ins Haus meiner Eltern. Dann treffen wir uns abwechselnd am Strand zum Möwengucken und im Garten zum Grillen. Drück ich ganz doll zurück. Nur noch knapp 3 Wochen 🙂

      1. Die Anfangszeit war es ganz schlimm bei mir mit Heimweh. Dann hatte ich eigentlich gedacht, ich habe mich gut arrangiert mit den regelmäßigen Besuchen, aber seit mein Dad nun allein ist, ist es wieder ganz stark. Auch meine Freunde habe ich alle in Berlin – hier habe ich bis auf Bekanntschaften keine engeren Verhältnisse geschlossen. Es liegen irgendwie Welten zwischen den Leuten und mir, anders kann ich es nicht erklären 🙁

        Oh ja, unsere Zukunftspläne hören sich toll an! 😀 Aber erstmal freue ich mich auf unser baldiges Wiedersehen!

        1. Hm, ich kenn das, wenn die Leute, mit denen man sich wirklich gut versteht, ganz weit weg wohnen. Trotzdem bin ich sehr froh, dass es sie überhaupt gibt und wir über das Internet verbunden sind. Ich hab in den ersten 3,5 Jahre hier so gar niemanden hier kennengelernt, nur meine Kollegen und wir waren damals nur 4-5 Leute. Ich bin ja auch eigentlich eher kontaktscheu geworden auf meine alten Tage, aber ab und zu schaff ich es ja auch raus aus meinem Schneckenhaus 🙂

          Ich mach mir auch manchmal Gedanken wegen meiner Eltern. Die sind zwar noch zu zweit, aber es ist auch nicht immer so leicht für sie, dass mein Bruder und ich soweit weg sind. Und sie werden auch nicht jünger. Ich fahr in einer Woche schon wieder hoch, die Zeit fliegt.

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