Alt wie ein Baum

Mit im Garten meiner Eltern steht ein Tannenbaum. Sie haben in damals gepflanzt, als mein Bruder und ich geboren wurden. Während der Garten um ihn herum sich mit den Jahren immer mal wieder ein bißchen veränderte, das Hühnergehege und die alten Obstbäume verschwanden, Blumenbeete durch Rasen, Sträucher und einen Goldfischteich ersetzt wurden, wuchs er dort Stück für Stück in die Höhe. Irgendwann teilte sich seine Spitze und so wie mein Bruder und ich irgendwann unsere eigenen Wege dort draußen in der Welt gingen, fing der Baum an in zwei Hälften weiter nach oben zu wachsen. Inzwischen ist er etwa doppelt so hoch wie unser Haus und hat einen etwa einen Meter dicken Stamm. Vor ein paar Jahren hat mein Bruder damit begonnen, die unteren Äste zu entfernen, um dort unter dem Baum ein schattiges Plätzchen zu schaffen. Die längsten Äste hängen nun in etwas mehr als 2 m Höhe und überdachen mit ihrer Länge von 4-5 m ein recht beachtliches Stückchen des Gartens auf dem sich jedoch die meiste nur Hund Felix aufhält und an seinem Lieblingstannenzapfen kaut. Und für einen paar Minuten, in diesen Tagen, saß auch dort im Schatten der großen Tanne, die genauso alt ist wie ich. Weil ich diese Woche wieder ein Jahr älter geworden bin.

Mit dem Älterwerden ist das so eine Sache. Es gibt Zeiten, da kann man es kaum erwarten, will endlich erwachsen werden, frei und unabhängig sein, die ganze Welt im Sturm erobern. Oder auch einfach nur alles anders machen, Sicherheit schaffen, das Glück suchen und Liebe finden. Man hat vielleicht die gleichen Ziele wie andere, ein paar Träume und die Hoffnung, das alles schon irgendwann, irgendwo und irgendwie gut werden, sich richtig anfühlen wird. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ich damals, als ich anfing zu studieren, recht genaue Vorstellungen hatte, was ich abgesehen vom Hochschulabschluss gerne erreichen wollte bzw. wie mein Leben mit Mitte bzw. Ende 20 idealerweise aussehen sollte. Viel weiter als das habe ich damals nicht gedacht. Als die Jahre vergingen, merkte ich, dass es vieles im Leben gibt, das man nicht wirklich so einfach planen oder gar vorhersehen kann. Heute lasse ich mich da eher treiben und versuche, so viel wie nur möglich von den Dingen zu tun, die mir Freude machen und offen zu sein für neue Möglichkeiten, Erfahrungen und auch Menschen.

Natürlich ist es manchmal komisch, wenn ich sehe, wie anders viele meiner Freunde und Bekannte im gleichen Alter leben, wie sie von einer Beziehung in die nächste springen, mit oder ohne den dazugehörigen Partner Kinder groß ziehen, ihr Leben umkrempeln, um an einem anderen Ort oder in einem anderen Beruf noch einmal neu anzufangen. Manchmal ist die Versuchung groß, mich mit ihnen zu vergleichen, funktionieren tut es aber nicht, denn trotz einer gemeinsamen Vergangenheit und ähnlichen Erfahrungen, sind wir alle doch so sehr verschieden und was für den einen der richtige Weg ist, funktioniert für den anderen nicht automatisch auch. Und selbst wenn ich stattdessen einfach meine Doktorarbeit als (geistiges) Kind anführen und vielleicht auch den eigenen, mit Eichhörnchenhilfe aus einer Walnus gezogen Baum in die Waagschale werfen würde, es wäre dennoch nicht das selbe. Ich weiß noch, wie ich damals vor 10 Jahren an der Uni Studenten betreut habe und dabei oft dachte, wie jung sie doch noch sind und ob ich in dem Alter wohl auch so war, dabei lagen vielleicht gerade einmal 5 Jahre zwischen uns. Heutzutage finde ich es noch immer merkwürdig, wenn ich von Jüngeren nach der Uhrzeit gefragt und dabei gesiezt werde. Und wenn ich morgens im Coffee Shop von der jungen, weiblichen Bedienung höre ‚Was darf es denn sein für die Dame?‘, ziehe ich innerlich erstaunt die Augenbraue hoch und bin versucht, mich umzusehen, ob außer mir wohl noch jemand dort ansteht. Neulich habe ich aus Spaß einmal Google gefragt, was das Internet denn so zum Thema ‚Frauen mit 35‘ zu sagen hat und ob ich nun schon als ‚Frau mittleren Alters‘ zu bezeichnen wäre. Ich bin noch immer dabei die Resultate zu verdauen, in der Zwischenzeit geh ich dann mal eben fix meine ‚About‘ Seite aktualisieren.

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7 Replies to “Alt wie ein Baum”

  1. Mein Gott 35 !!!
    Bei mir noch mal +20 und mein Erstaunen ist mit jedem Jahr gewachsen.. denn ich stelle fest, äußeres Erscheinungsbild paßt so gar nicht mit dem überein wie ich mich fühle…. ist schon komisch mit dem Älter werden.
    LG, Petra

    1. Naja, ich hab auch Freunde, die echt ne Krise hatten, als sie 30 wurden 🙂 Und wundere mich manchmal, wenn ich z.B. Artikel übder Schauspielerinnen lese, wo es dann heißt wie jung und schön sie doch noch aussehen, mit Anfang 40. Da denk ich immer, wieso eigentlich angenommen wird, das man in dem Alter alt auszusehen hat. Andererseits kann jemand schon mit Mitte 20 echt alt und verbraucht aussehen, wenn er nicht auf sich achtet. Viel wichtiger ist jedoch, wie man sich fühlt und das man im Herzen bzw. in der Seele jung bleibt, sich über kleine Dinge noch wie ein Kind freuen und neugierig durchs Leben gehen kann. An die Veränderung der äußeren Hülle gewöhnt man sich ja vielleicht irgendwann 🙂

  2. Auch ich habe sicher kein Problem mit dem älter werden, aber in sehr vielen Dingen geht es mir wie dir, in deinem oben geschriebenen Text =)

    1. Haha, danke. Es ist immer schön zu hören/wissen, das ich damit nicht alleine bin 🙂

  3. liebe ola ich weiß genau wie es dir geht, auch wenn uns ein paar jährchen trennen. man kann im leben so vieles nicht planen, vor allem, wenn es möglicherweise andere menschen miteinschließt. natürlich sollte man auch mit ein bisschen gedanken an die zukunft leben, aber vor allem zählt der moment. ich mag deine texte sehr und deine bilder sind immer wieder berührend.

    1. Danke, das freut mich immer wieder sehr zu hören. Es gibt immer solche Tage und auch wieder andere. Das Ganze in Worte und Bilder packen zu können, macht es manchmal leichter für mich.

      1. ich kenne das gut. für mich war das auch immer schon so, deswegen schreibe ich ja auch schon seit ich denken kann. mittlerweile hat das fotografieren das schreiben eher abgelöst, weil einfach zeit und ruhe fehlen, was ich manchmal sehr schade finde, weil ich auch gerne später wieder die dinge durchstöbere um mich mit mir selber auseinanderzusetzen…

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