[37/52] Dreaming of water

Meistens benenne ich Bilder und Beiträge ganz intuitiv und oft finden sich die Namen und Titel am Ende auch ganz ohne Zögern oder Zweifel. Manchmal funktioniert das auf deutsch, manchmal führt aber auch einfach kein Weg am Englischen vorbei, weil es eben genau diese Worte sind, die mir zuerst in den Sinn kamen. Auch wenn ich es manchmal später vielleicht ändern würde, nach einem anderen Ausdruck suche, weil diese allerersten Gedanken nicht mehr so recht passen wollen, zu einem neuen Kontext, einer anderen Bühne, so erscheint es mir irgendwie nicht richtig zu sein. Und so führt die in einem oft nur ganz kurzen, spontanen Moment getroffene Wahl zu einer weiteren Suche nach Worten, um für dieses eine auserwählte Bild eine passende Geschichte zu finden.

Ich schaue also in die dunkle Tiefe des Wassers und auf den an die Oberfläche sprudelnden, vor dem Druck des Wasserstrahls fliehenden Luftblasen schwimmt sie davon, die Erinnerung an einen Spaziergang durch die Stadt und all die kleinen Besonderheiten, die in dieser Zeit entdeckt wurden. Noch eine kleine Weile kann man sie sehen, wie sie dort auf der Oberfläche entlang tanzen, die Spuren der Bilder von bunten Farben, lachenden Kindern, schwebenden Luftballons und den vielleicht allerletzten Blüten dieses Sommers. Im Glucksen des Wassers verstummt ganz allmählich der Klang von Musik, das Rascheln der Blätter im Wind, die Geräusche der vorbeifahrende Autos und die Worte von Fremden. Ich blicke auf das Wasser und sehe schwarz und weiß, Licht und Dunkelheit, damals und heute. Ich denke daran, wie absurd ich es manchmal finde, was Erinnerungen in mir auslösen. Ich bemerke, dass mich Gedanken an vergangene, schöne Momente immer wieder unendlich traurig machen, weil sie unwiederbringbar verloren sind und es keine Garantie für neue gibt. Gleichzeitig denke auch daran, wie mir die Erinnerung an überstandene, schlechte Zeiten immer wieder Kraft gibt, weil ich ganz genau vergleichen kann und darauf vertraue, dass es niemals wieder so dunkel sein wird, wie es einmal war. Manchmal, wenn mich die Traurigkeit ganz fest einzuhüllen scheint und die Hoffnung sich mal wieder äußerst rar macht, wundere ich mich darüber, wie ich Dinge vermissen kann, die ich doch eigentlich gar nicht wirklich kenne. Dann denke ich, vielleicht, ganz vielleicht, bedeutet die Traurigkeit ja, dass ich sie doch irgendwann einmal gekannt habe. Und das die Hoffnung sich vielleicht nur manchmal ein wenig zu stark von der Dunkelheit mitreißen läßt, um letztendlich doch wieder energiegeladen an die Oberfläche zu steigen und sich dort ein kleines bißchen länger treiben zu lassen. Vielleicht kann man nichts anderes tun als zu warten. Oder damit anfangen, immer neue Grautöne zu mischen.

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6 Replies to “[37/52] Dreaming of water”

  1. schöner Gedanke. Danke fürs Festhalten. Derartiges steigt bei mir erst weit nach Mitternacht nach oben…. Aber dennoch.. keine Gedanken, die am Tag gedacht werden….

    1. Ich danke Dir, für’s vorbeischauen und lesen. Und Deine Worte. Mir kommen solche Gedanken meistens unterwegs, während ich von einem Ort zum anderen durch die Straßen der Stadt laufe. Bis ich tatsächlich dazu komme, sie aufzuschreiben, ist es meist dunkel und die Hälfte schon wieder vergessen. Manche Gedanken melden sich erst wieder, wenn der Rest längst raus in die Welt geschickt wurde, manchmal eben auch weit nach Mitternacht, in den wachen Momenten der Nacht.

  2. Hat dies auf farbigeaussichten rebloggt und kommentierte:
    „Ich bemerke, dass mich Gedanken an vergangene, schöne Momente immer wieder unendlich traurig machen, weil sie unwiederbringbar verloren sind und es keine Garantie für neue gibt.“

  3. ein wunderschönes foto! der post im allgemeinen wirkt ein bisschen düsterer als ich es in den letzten wochen gewohnt war. ist alles in ordnung?

    zu deinem thema mit den erinnerungen fallen mir zwei zitate ein, die sich mir irgendwie eingebrannt haben: „kein heute ist mit dem gestern zu füllen.“ oder „all we have is now.“ ich finde beide sehr nachdenklich, grade für mich, wo ich so ein erinnerungssammler bin. ich habe früher, als es noch keine smartphones gab und handys sms auf simkarten gespeichert haben, akribisch alle bedeutsamen gespräche analog mit kuli aufgeschrieben und in einer mappe aufbewahrt, die es noch gibt.
    ich habe kalender geführt, fotos hineingeklebt, rechnungen, kinokarten, etc und kann heute noch nachvollziehen, wo ich zb am 18. september 2003 war. irgendwie verrückt, aber gegen den widerstand, die zeit einfach ziehen zu lassen, kann man ja doch wenig tun..

    1. Danke. Bin gerade wieder in einem Stimmungsloch, obwohl nach wie vor ein paar gute Dinge passieren. Vielleicht sind es erste Anzeichen der Herbstmelancholie, vielleicht auch ein bißchen Liebeskummer, ich bin mir da nicht so ganz sicher. Ist hoffentlich bald wieder vorbei.

      Ich finde es ja total spannend, dass Du tatsächlich in dieser Form Erinnerungen sammelst bzw. gesammelt hast. Ich glaube, ich habe vor vielen Jahren auch mal alte Emails ausgedruckt und aufgehoben, das ist aber bestimmt schon 15 Jahre her und sie sind längst entsorgt, weil es mich traurig gemacht hat, sie zu lesen. Tagebuch habe ich natürlich auch mal geführt, irgendwann konnte ich es aber nicht mehr und inzwischen ist es wohl ersetzt worden durch den Blog und meine Fotos. Obwohl ich mich auch so an alles erinnere und manchmal eigentlich lieber ein paar Dinge vergessen und loslassen würde.

      1. ohje 🙁 das kann natürlich schon der herbst sein. bei mir klopft die melancholie auch schon gelegentlich, allerdings hab ich üblicherweise ab ende oktober bis ende dezember mein tief…

        liebeskummer…?

        ich lese die dinge auch nicht. ich hab soviel aufgehoben, auch von meinem ex, das ich gar nicht angreifen mag, aber wegwerfen kann ich es doch nicht. ich denke, dass ich es vielleicht irgendwann, wenn ich alt bin, lese und mit einem lächeln dran zurückdenke. dann würd es mir vielleicht leid tun, die dinge nicht mehr zu haben.

        tagebuch hab ich ja ewig nicht mehr geschrieben, weil ich es einfach nicht geschafft habe, texte nur für mich „schön“ zu formulieren. das konnte ich nie mehr lesen. deswegen schreibe ich nur noch im internet, für andere. da schreibe ich auf eine andere art, die ich auch noch jahre später gerne wieder lese und mich dran erinnere. seltsam.

        manche dinge haben sich leider so sehr ins gedächtnis eingebrannt. oft wäre es gut, wenn man genauso wie man erinnerungen festhalten kann, durch aufschreiben, etc. methoden hätte, wie man dinge vergessen kann. leider funktioniert das so nicht 🙁

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