When you hold me

Am Samstag Abend habe ich sie gefunden. In der Dunkelheit, die gleich hinter dem Bahnhof wartet. Sie war noch ganz frisch und doch hatte sie jemand dort zurück gelassen. Nicht einfach achtlos weggeworfen, vor die Füße der rastlosen Reisenden, sondern beinahe fürsorglich und vorausschauend auf dem Rand der mit Bambus bepflanzten Kübel abgelegt. Auch ich war im Gedanken bereits an einem anderen Ort, als ich beinahe an ihr vorbei lief, beladen mit Weihnachtseinkäufen und einer riesigen, leuchtend roten Amaryllis in den Armen. Warum ich zur Seite blickte, weiß ich nicht, aber ich erinnere mich noch daran, wie sie dort lag, ganz allein, entrückt von der Welt. Bis zu dem Moment, in dem ich sie aufsammelte und mit nach Hause nahm. Auch im nachhinein frage ich mich noch immer, wer sie wohl an diesem Ort abgelegt hat und was der Grund dafür gewesen sein könnte.

Vielleicht war es jemand, der zuvor viel zu lange und vergeblich auf jemanden gewartet hat, draußen auf dem Bahnsteig. Jemand ganz besonderes, für den er diese einzelne, rosafarbene Rose gekauft hat. Vielleicht war sie gedacht als kleine Geste einer ersten Begegnung, vorsichtiger und viel sanfter als rot es je sein könnte. Vielleicht wurde sie ganz fest gehalten in der Zeit des Wartens, der Ungeduld und Vorfreude. Mit jeder unerfüllten Minute, die verstrichen ist, hat sich der Griff ein kleines bißchen gelockert und ihr Kopf ist immer tiefer gesunken als aus Hoffnung Zweifel wurde. Und niemand aus dem Zug gestiegen ist. Auch nicht aus dem nächsten und übernächsten. Keine Hand, die sich nach ihr ausstreckte und losgelassen von der Hand, die sie einst hielt. Doch dann wurde sie von mir gefunden und ich wußte sofort, welche Rolle sie für mich spielen würde und was für ein Bild ich von ihr machen könnte. Es ist nicht ganz das, wonach es aussieht und anders als ursprünglich geplant. Und dennoch perfekt, für mich.

When you hold me

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11 Replies to “When you hold me”

  1. es ist wunderschön und die worte haben mir die gänsehaut über den rücken laufen lassen. sie haben mich an ein gefühl erinnert, das ich lange zeit empfunden habe. danke für den wunderbaren post!

    1. Das freut mich sehr. Gern geschehen 🙂 Ich wollte eigentlich auch noch etwas persönliches mit einbinden, habe es dann aber beim schreiben vergessen. Ein anderes Mal vielleicht, mir sind im Zug noch ein paar Ideen gekommen.

      1. da freu ich mich schon! manchmal geht es im schreiben einfach unter!

  2. Das ist ja mal eine wunderschöne Geschichte rund ums Bild…

    und dann noch ein hervorragendes wunderbares Bild.

    Viele Grüße

    Jürgen

    1. Vielen Dank für die lieben Worte, Jürgen. Es freut mich sehr, dass Dir beides so gut gefällt.

      Ganz liebe Grüsse zurück,
      Viola

  3. Passende und so warme Worte zur Weihnachtszeit und das perfekte Bild dazu – mehr kann ich nicht sagen, Süße! :-*

    1. Dankeschön Süsse. So langsam klappt es wieder mit dem Geschichten erzählen 🙂 Ich glaube, an den Tagen so kurz vor Weihnachten gibt es ganz bestimmt viele freudige Wiedersehen auf Bahnsteigen, da warte hoffentlich niemand vergeblich.

  4. Ich mache mir auch oft ähnliche Gedanken wenn ich solche Dinge fotografiere, es ist schön sich auszumalen was da gewesen sein könnte auch wenn es wie in diesem Fall ein wenig traurig stimmt.
    Tolles Bild, tolle Geschichte !
    THX!

    1. Ich danke Dir, Peter. Es ist schön zu wissen, dass es anderen auch so geht. Ich mag es, wenn Bilder Geschichten erzählen und auch, für ein bestimmtes Bild eine eigene Story zu erzählen. Vielleicht war diese ja auch garnicht so traurig, wie ich vermutet habe. Vielleicht ist die Rose ja gefallen, als sie ihm vor lauter Freude in die Arme gesprungen ist. Mir sind gestern im Zug noch ein paar Sachen eingefallen, vielleicht gibt es demnächst noch ein paar Bahnsteiggedanken und Zugfahrtgeschichten 🙂

  5. einfach nur DEINE Gefühle, aber so klar und eindeutig und einfach nur eindrucksvoll……

    1. Danke Bernd. Ich tue, was ich kann 🙂

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