Bahnsteiggeschichten

Sommer

In ihrer Stadt sitzen sie nebeneinander auf einer Mauer in der Sonne und warten auf die Stadtbahn, die ihn wieder zurück nach Hause bringen wird. Neben ihnen stehen die Räder, mit denen sie gerade eben noch durch den vom Sonnenlicht durchfluteten Wald gefahren sind, ganz nah beieinander in den letzten gemeinsamen Augenblicken. Sie lehnt sich an ihn, ihre Finger streifen durch sein Haar und in seinen Augen spiegelt sich die Erinnerung an die gemeinsam verbrachte Zeit. Der bevorstehende Abschied bekümmert sie nicht, es sind ja nur 30 Minuten, nur wenige Kilometer Gleis, die sie an anderen Tagen voneinander trennen. Alles ist noch ganz neu, ein bisschen unwirklich, und auch wenn sie unendliche viele Gründe hat zu zweifeln, geniest sie einfach nur den Augenblick, denkt nicht an all das, was einmal war und auch nicht daran, was vielleicht einmal sein wird. Kurz bevor der Zug schließlich auf dem Bahnsteig hält und seine Türen öffnet, um ihn wieder zurück in die andere Stadt zu bringen, nehmen sie sich noch ein letztes Mal in die Arme. Und in jedem Kuss verbirgt sich das stumme Verbrechen eines Wiedersehens. Vielleicht schon bald.

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Winter

In seiner Stadt betrachtet er ihren Koffer und wundert sich nicht zum allerersten Mal, wie sie es nur immer schafft, ihn mit dem Inhalt ihres halben Kleiderschranks zu füllen und warum das für ein Wochenende überhaupt notwendig ist. Er weiß genau, was sie darauf antworten würde, nämlich dass sie doch vorher nicht wissen kann, welche Sachen sie gerne tragen würde, sich das Wetter oder ihre Pläne ja auch ändern könnten. Er schmunzelt kurz bei dem Gedanken, doch dann schweift sein Blick ab, um nach ihr zu suchen. Sie war nur für einen kleinen Augenblick verschwunden, um ihren leeren Milchkaffeebecher zu entsorgen, der große Abschied steht ihnen erst noch bevor. In wenigen Minuten kommt der Zug, der sie wieder viele hundert Kilometer von ihm fort bringt. Sie kommt auf ihn zu, in diesen dicken Fellstiefeln, die so lustig aussehen an ihren winzig kleinen Füssen und obwohl sie ihren dicksten Wintermantel, Mütze, Schal und Handschuhe trägt, sieht er die Kälte auf ihren leicht geröteten Wangen. Sie zieht sich die Mütze vom Kopf und versucht ihre Frisur ein wenig in Form zu bringen, dabei sieht er sie so zerzaust eigentlich am liebsten. Als sie endlich wieder ganz nah bei ihm ist, öffnet er seinen Mantel und lässt sie noch ein letztes Mal ganz nah an sich ran. Sie versinkt in seiner Umarmung und schmiegt sich an ihn, um noch einmal seinen Duft einzuatmen, sein Herz schlagen zu hören. Sie wissen, dass es die letzten Berührungen, die letzten Küsse für eine viel zu lange Zeit sein werden und doch versuchen sie, einfach nicht daran zu denken. Bis zu dem Moment, als der Zug sich in Bewegung setzt und sie sich aus den Augen verlieren. Doch irgendwann bringt ein anderer Zug sie wieder zu ihm zurück und das ist alles, was zählt.

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5 Replies to “Bahnsteiggeschichten”

  1. Einfach nur schön, zu lesen und zu betrachten!
    THX!
    Lg Peter

    1. Freut mich sehr, dass es Dir gefällt Peter. Die Hälfte der Geschichte hatte ich seit Weihnachten im Kopf, die passenden Bilder dazu aber erst seit 2 Wochen 🙂

      Lieben Gruß zurück,
      Viola

  2. traurigschöne geschichte. du hast ganz wunderbare worte gewählt und die bilder passen gut, allerdings eher zur wintergeschichte. es macht neugierig, auch wenn es dafür wahrscheinlich keine fortsetzung geben wird – oder?

    1. Dankeschön. Ja, das stimmt, die Bilder sind ja auch alle aus dem Winter, ich habe sie Anfang des Jahres für den zweiten Teil der Gesichte gemacht. Die hatte ich seit meiner letzten Reise an Weihnachten im Kopf, bin nur bisher nicht zum niederschreiben gekommen. Den Sommerteil habe ich kurzentschlossen noch dazu getextet, weil ein Teil der Bilder nicht vom Hauptbahnhof stammte, ich aber auch nicht zwei Posts daraus machen wollte.

      Eine Fortsetzung gibt es vielleicht, mir ist vorhin eingefallen, dass ich noch mindestens ein altes, hier noch nicht gezeigtes Bild habe, zu dem sich eine Zuggeschichte erzählen läßt. Ich hatte da neulich auch schon eine Idee, ich bin nur zur Zeit etwas langsam mit der Umsetzung und vergesse manches zwischendurch auch wieder 🙂

      1. und wieder verbreitest du grooooße spannung 😉 das klingt echt toll!

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