Meerestille Sehnsucht

Ganz alleine mache ich mich auf den Weg zum Meer. Während die Sonne am Horizont langsam immer tiefer sinkt, schlüpfe ich durch die kleine Lücke in der Promenadenmauer und laufe durch die Dünen zum noch viel zu weit entfernten Wasser. Nur am Rande bemerke ich wie mir durch bisher unbemerkte Ritzen ganz langsam der Sand in meine knöchelhohen Turnschuhe rieselt und auch die anderen Menschen dort am Strand nehme ich kaum wahr. Ich sehe nur das Meer, immer wieder nur das Meer, das in all seiner Schönheit den Boden vor meinen Füßen mit kleinen salzigen Wellen überschwemmt, immer wieder aufs neue. Das leise, aber dennoch deutlich spürbare Rauschen der See klingt wie der ruhige Atem einer schlafenden Liebe, die ich am liebsten nie wieder verlassen möchte. Doch noch ist es zu früh, um sich näher zu kommen, kalt sind die kurzen Berührungen mit den kleinen blauen Fingern, die in unachtsamen Momenten nach meinen Füßen greifen. Und so weiche ich ein paar Schritte zurück und blicke hinaus in die Ferne, auf das Spiel der Wellen und das sich verändernde Licht am Horizont. Ich denke an alle Freunde, mit denen ich früher solche Augenblicke geteilt habe, Freunde, von denen viele genauso wie ich inzwischen nicht mehr in der Heimat leben und das Meer nur noch selten sehen, hören, fühlen, riechen und auch schmecken können. Für einen Moment scheint es als stünden sie dort alle neben mir im Sand und ich bin nicht mehr ganz so allein. Bis zur nächsten Welle.

Coldness

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7 Replies to “Meerestille Sehnsucht”

  1. Ich kann nur sagen, wunderschön und nachdenklich zugleich. In solch einem Moment würde ich wahrscheinlich mit gemischten Gefühlen dastehen. Genießend und nachdenklich zugleich. Ein tolles Bild, Viola! Als wäre ich selbst dort.

    1. Ich danke Dir, Anette. Mir geht es da ganz ähnlich, ich kehre immer mit gemischten Gefühlen dorthin zurück. Zum einen ist es schön, dort zu sein und den Augenblick zu genießen, zum anderen bringt es eben auch vielen alte Erinnerungen und Sehnsüchte mit sich. Und die Frage, ob es vielleicht irgendwann wieder eine dauerhafte Rückkehr geben wird oder sollte. Das Meer fehlt mir oft am meisten, wenn ich direkt davor stehe. Sei ganz lieb gegrüßt, Viola

  2. ganz einfach wunderschön. ich hatte das gefühl, mit dir dort zu stehen, mit all meinen erinnerungen, die in einem kurzen moment wieder lebendig geworden sind, in den tanzenden wellen.

    1. Ja, das ist es und es fehlt mir gerade ein bißchen, das Meer und die alten Zeiten, in denen alles viel unbesorgter zu sein schien. Freut mich sehr, dass Du es so empfunden hast und ich hoffe, es waren schöne Erinnerungen, die Dir dabei durch den Kopf gegangen sind.

      1. ja, das waren sie. ein bisschen durchtränkt mit der melancholie der vergänglichkeit, die mich in den letzten tagen wieder ein bisschen erwischt hat.

  3. Wow! Bin ganz hin und hergerissen… und teile deine Meeressehnsucht voll und ganz!

    1. Dankeschön. Das weiß ich doch 🙂 Ich hab noch so ein Bild vor Augen, ich glaube von Deinem letzten Urlaub, ein Surfbrett am Strand, früh aufstehen für die Wellen und Sonnenuntergänge am Meer. Ich fahr über Ostern wieder hoch, im Mai auch noch mal für ein paar Tage, und hoffe, dass ich es ganz oft ans Meer schaffe.

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