What came before he shot her

Noch bevor der Fahrstuhl sich ganz oben im Fahrstuhl für sie öffnete, hatte sie Kamera bereits aus der Tasche geholt und den Gurt erwartungsvoll um ihr Handgelenk geschlungen. Draußen vor der Tür erzeugten die wenigen, schnell über den Himmel tanzenden Wolken zarte Schatten auf dem Boden und obwohl der Wind schon beinahe stürmisch an ihren langen Haaren zerrte, dachte sie nicht einmal daran, sie zu einem Zopf zusammen zu binden. Sie dachte eigentlich gar nicht in diesem Moment, denn ihre Augen hatten schon längst damit begonnen, jeden bereits so bekannten Teil der Welt vor der Bürotür zu erkunden, um die kurze Pause in der Mitte des Tages mit neuen Eindrücken zu füllen. Sie blinzelte gegen das Licht, hielt sich die Hand vor die Augen während sie darauf wartete, die Strasse überqueren zu können, die so oft schon beschrittene symbolische Freiheit voraus. Nur wenige Tage bevor das Wasser auch dort wieder zu fliessen kann, stieg sie hinab in das steinerne Becken, um das zu betrachten, was der Wind von den Bäumen geschüttelt und in den stillen Ecken zusammen getragen hat. Sie schaut sich nicht um, als sie dort auf dem Boden des Brunnens nieder kniet, mitten in der Stadt, weil es genau diese Perspektive ist, die sie begreifen und festhalten will, in all ihrer Banalität und Alltäglichkeit. Und es ist völlig bedeutungslos, was um sie herum geschieht.

Rustling in the corner
Touching the inner sanctum

Ein paar Minuten später steht sie auf der anderen Strassenseite und versucht, das einzufangen, wofür sie eigentlich gekommen ist, einen Moment der Bewegung, auf der Suche nach Sturm an einem sonnigen Frühlingstag. Noch ist es nur eine Idee, eine Möglichkeit, aus der vorhandenen Realität ein Bild zu formen, das noch nicht ganz klar, noch nicht ganz da ist. Und während sie versucht, sie zu ergreifen und ihr eine Form zu geben, bemerkt sie ihn. Er steht nur einen Meter neben ihr und hält ein Handy in der Hand, das auf sie gerichtet ist. Klick. Sie denkt noch immer nicht, weil sie versucht zu sehen, doch dann sieht sie ihn wieder, ein Stückchen weiter auf einer Mauer sitzend, das Handy noch immer in der erhobenen Hand, nach vorne gerichtet. Klick. Und dann reisst der Film, verschwindet die Magie des Augenblicks und die Welt um sie herum kehrt mit mehr Wucht zurück, als sie ertragen kann. Vielleicht war alles ganz anders als es schien, vielleicht haben sie ihre Augen tatsächlich getäuscht, doch das Gefühl eines gestohlenen Augenblicks lässt sich einfach nicht abschütteln. Weil es nicht die erste Begegnung dieser Art war. In diesem Jahr. Nur ein anderer Ort, ein anderer Mann, ein Handy und keine Kamera mitten im Gesicht. Und so verlässt sie schließlich diesen Ort, ohne ihr Bild gefunden zu haben. Die Kamera verschwindet tief unten in der Tasche und wird erst später wieder in die Hand genommen, im Schutz der eigenen vier Wände. So lange, bis sie nicht mehr daran denkt, ob es dort draußen vielleicht irgendwo ohne Warnung klickt.

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11 Replies to “What came before he shot her”

    1. Geschichten, die das Leben schreibt.

  1. schöne bilder, die den text untermalen. wie immer schön geschriebe. autobiografisch oder fiktiv?

    1. Dankeschön 🙂 Hab ich alles genau so erlebt, in meiner Mittagspause heute vor einer Woche. Für die Wortfindung war noch ein klein wenig Zeit bzw. Abstand nötig, aber gestern abend hat’s ganz gut rein gepaßt. Da müssen die frühlingsblumen wohl noch etwas warten.

      1. ich kenn das – man muss einfach auf den richtigen zeitpunkt warten, bis einem der beitrag emotional reinpasst. schon ein bisschen unheimlich, wenn man fotografiert wird. andererseits denk ich mir, ich sehe auch oft etwas in jemandem und würd gern abdrücken – aus höflichkeit mach ich es natürlich nicht. andere haben da weniger hemmungen (sichtlich).

        1. Also ich fand es schon sehr frech, als mir vor ein paar Wochen jemand direkt die Kamera ins Gesicht gehalten hat und dann abgehauen ist, als wäre nichts dabei. Da bin ich aber hinterher und hab ihm erzählt, dass er nicht einfach ohne zu fragen ein Bild von mir machen darf. In der Deutschland gilt ja nach wie vor das Recht am eigenen Bild, was aber gerne und oft ignoriert wird. Er meinte, er hätte es wieder gelöscht, aber ob das wirklich stimmt, hab ich nicht kontrolliert. Und den neulich mit dem handy hab ich nicht angesprochen, weil ich mir ja auch nicht sicher war, ob er da wirklich geknipst hat oder nicht. Ich fotografiere einzelne Personen auf der Strasse nie oder allerhöchstens aus der Ferne und/oder unscharf. Street Portraits finde ich schon cool, also wenn ma die Leute halt direkt anspricht und so auch ein bisschen was über sie erfährt, aber für so etwas bin ich a) viel zu scheu und b) technisch nicht versiert genug. Vielleicht sieht’s in ein paar Jahren anders aus, wer weiss.

      2. ich seh das eh genauso. ich mach es eben deshalb nie, weil ich mich nicht traue, die leute anzusprechen. mir ist das unangenehm und vor allem zerstört es den moment, weil ich ja normalerweise kein porträt im eigentlichen sinn machen will, sondern eine momentaufnahme aus einer situation heraus. also fotografiere ich sie auch nur aus der ferne oder von seitlich/hinten oder so. schon ein wahnsinn, dass da manche so gar kein gefühl für andere menschen haben.

  2. That is really amazing that you have actually experienced all what you describe here. Again you tell the story with great empathy. And, yes, the lovely photos do add to the understanding of the words.

    1. Thank you so much for your kind words Otto, they mean a lot to me. And yes, these were about 15 minutes of my life, a kind of alternative reality that overlaps with my normal office job as soon as I take my camera with me. I don’t always write about it like this but what happened that day was a bit emotional for me and I was trying to put it into words somehow.

  3. Ich mag das eigentlich auch nicht einfach so fotografiert zu werden. Deswegen bin ich in punkto Streetfotografie auch eher zurückhaltend. Das heißt entweder so fotografieren das die Leute es nicht merken, oder wenn sies doch mitbekommen nicht davon laufen man hat ja schließlich nix verbrochen, ein paar Worte und es passt meistens. Aber Street ist sowie so nicht ganz so mein Ding. Das beste was man machen kann wenn man ungefragt ins Visier genommen wird ist durch seine Kamera zurückschauen… das gibt dann einen verdutzten Blick ;).
    Lg Peter

    1. Ich kann Streetfotografie auch nicht wirklich etwas abgewinnen, mir fehlt da der Bezug zum Objekt und meistens ist mir auch einfach zu viel Kuddelmuddel im Bild. Neulich zum Karneval wollte ich es mal wieder probieren mkit ein paar Streetporträts, hab in dem Getümmel aber einfach keine in meinen Augen schönen Motive entdeckt. Wenn ich Plätze, Häuser oder Strassenszenen knipse, warte ich meist, dass mir möglichst niemand oder nur wenige durchs Bild läuft, weil ich es leerer einfach schöner finde. Prinzipiell kann ich die ursprüngliche Bedeutung der Streetfotografie, das dokumentieren des alltäglichen städtischen Lebens, zwar durch aus verstehen, leider geht es den meisten Social Media Fotografen heutzutage gar nicht mehr darum, da wird oft nur Massenware produziert. Man sollte da wirklich mal den Spiess umdrehen und durch die Kamera zurück schauen, damit sie vielleicht mal verstehen, wie das so ist, wenn man keine privaten Momente mehr haben kann. Obwohl das einigen vermutlich noch gefällt 🙂

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