Torn to pieces

Irgendwie komme ich mir schon ein bißchen komisch vor, weil ich vor zwei Tagen vor dem Rechner gesessen habe und mich nicht dazu durchringen konnte, an so einem warmen, sonnigen Frühsommertag einfach irgendwo im Grünen spazieren zu gehen und die Seele baumeln zu lassen. Noch einen Tag zuvor war ich zum ersten Mal in einigen mir bis dahin noch völlig unbekannten Teilen des Südparks, dachte daran, wie schön es dort doch ist und nahm mir fest vor, demnächst öfter mal dort Zuflucht zu suchen. Heute frage ich mich nur, wie viel von alledem jetzt wohl noch übrig. Nur wenige Stunden nachdem ich meinen letzten Artikel geschrieben hatte und bereits die ersten Kommentare beantwortete, wurde es plötzlich Nacht in Düsseldorf und das bereits etwa 1 Stunde vor Sonnenuntergang. Zuerst schien alles ganz harmlos, Blitz, Donner und auch endlich etwas Regen, der zumindest auf ein wenig Abkühlung von der Hitze der vergangenen Tage hoffen ließ. Als ich mir in der Küche etwas zu trinken holte und überlegte, ob ich vielleicht schnell die Kamera aufs Stativ setzen und mich an einem Gewitterfoto versuchen sollte, bemerkte ich jedoch, dass der große Kastanienbaum im Hinterhof nicht mehr stand, sondern das meiste von ihm in Einzelteile zerlegt auf dem Hallendach bzw. im Nachbargarten lag. Nach etwa 30 min war das Unwetter vorbei bzw. weiter gezogen, doch der Schaden, den es in dieser kurzen Zeit angerichtet hat, wird die Stadt wohl noch einige Tage lang lahm legen oder zumindest teilweise blockieren und leider auch sehr deutliche Narben hinterlassen.

Ein Artikel in der Rheinischen Post von gestern trug den Titel „Horror-Sturm zerfetzt tausende Bäume“ und ich denke, man kann es wahrscheinlich kaum treffender beschreiben. Düsseldorf ist eine sehr grüne Stadt, riesige Platanen und viele andere Laubbäume wachsen nicht nur in den Parks, sondern säumen auch viele Straßenzüge, die Rheinpromenade und den Deich in Oberkassel. Das Viertel, in dem ich wohne, ist vielleicht nicht eins der schönsten, aber auch hier schmücken Platanen, Robinien, Pappeln und japanische Kirschbäume die meisten Straßen. Bis der Sturm kam und vielen von ihnen nicht nur ein paar Äste vom Stamm riss, sondern sie komplett zu Fall brachte, sie mitsamt der umliegenden Pflastersteine und Schutzgitter aus dem Erdreich riss. Es heißt, dass Düsseldorf seit dem Krieg nicht so viele Bäume verloren hat und selbst 2 Tage später kann das ganz klar jeder sehen, der durch die Straßen der Stadt läuft. Die Aufräumarbeiten sind noch immer in vollem Gange, an vielen Stellen wird erstmal nur das Gröbste erledigt, Straßen und Gleisanlagen freigeräumt, Bäume zersägt und erstmal nur beiseite gelegt, die vielerorts unter dem gefallenen Grün begrabenen und von der Last zerquetschten Autos befreit, durch geköpfte Gaslaternen entstandene Lecks geschlossen. Es ist noch immer sehr warm, noch immer sonnig und zwischen all dem Chaos, in einer Stadt, die gerade ein bißchen wie ein wilder Dschungel aussieht, geht der Alltag, das ganz normale Leben, einfach weiter. Und dann gibt es wieder Momente, da trifft es einen, man sieht einen zerfetzten oder entwurzelten Baum nach dem anderen und ist einfach nur sprachlos. Weil es doch eigentlich gar nicht wahr sein kann und doch so verdammt real ist.

Torn to pieces
Fallen
The path is blocked
All over the place
Blown out of the park
Trees on tracks
Bye Bye BMW

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8 Replies to “Torn to pieces”

  1. Sowas kann man sich nicht vorstellen wenn man es nicht selbst erlebt hat …. Welche Kräfte da walten 😧

    1. Ja, das stimmt. Ich bin ja an der Küste aufgewachsen, da ist es öfter mal stürmisch, aber sowas hab ich noch nicht gesehen. Einfach unglaublich, diese Naturgewalt.

  2. Tolle Fotos von Strassen nach dem Sturm..Jahrzehnte Baum umgeworfen in einer einzigen Stunde…

    1. Danke Marlies, durch das Fisheye-Objektiv und den Sonnenschein sieht alles gleich nicht ganz so schlimm aus. Auf Facebook habe ich auch noch ein paar Bilder aus meiner direkten Nachbarschaft gepostet, die wollte ich hier aber nicht zeigen, weil ja nicht jeder wissen muss, wo ich wohne 😉 Und von den richtig großen Schäden am Rande der Stadt habe ich bisher selbst auch nur Fotos bzw. Videos gesehen.

  3. Wirklich furchtbar und hier kaum vorstellbar, dass in so kurzer Entfernung solch ein Unwetter herrschte. Mein Sohn erzählte mir ja schon am Telefon, als Sonntagabend zurück nach Münster fuhr, was dann dort los war. Wir blieben verschont. Immer so schade um die alten Bäume: Lg Marlies

    1. Ja, es ist wirklich ein bißchen surreal. Ich hab da gerade noch an der Antwort auf Deinen Kommentar gesessen und zuerst geschrieben, dass in der Ferne der Donner grummelt, da ging es plötzlich los. Das ganze Ausmaß wurde aber im Grunde erst viel später deutlich und es tut richtig weh, wenn man sieht, wie viele Bäume gefallen sind. Es ist trotzdem schön zu hören, dass ihr Glück hattet und vom großen Sturm verschont wurdet. Es muss ja nun wirklich nicht überall Chaos sein 🙂 Liebe Grüße, Viola

      1. Genau, bei uns sind vor 2 Jahren einige Bäume auf dem Hofgrundstück umgestürzt und das war gar nicht lustig. Seit dem bin ich etwas nervös, wenn wir starken Wind haben, was ja leider öfters vorkommt. liebe Grüße Marlies

  4. solche naturgewalten sind schon irgendwie sehr beängstigend und ich finde, dass du das auf deinen fotos gut eingefangen hast. die filter, die du dir da angeschafft hast, passen sehr gut zur stimmung.

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