The gift of freedom

Heute vor genau 25 Jahren, in der Nacht des 9. Novembers 1989, wurde die Berliner Mauer geöffnet. Bereits seit einigen Wochen schwirrten mir Gedanken zu diesem Tag durch den Kopf und ich wusste, dass ich unbedingt etwas darüber schreiben wollte. Doch wie findet man die richtigen Worte nach so langer Zeit und spielt es überhaupt eine Rolle, wenn man nicht direkt vor Ort dabei war, sondern 200 km nördlich vor dem Fernseher sass und dabei zu sah, wie die Geschichte unseres Landes neu geschrieben wurde. Ich war damals 11 Jahre alt, ein Kind der DDR. Obwohl ich ein ganz gutes Gedächtnis habe, fällt es mir schwer, mich daran zu erinnern, was ich damals gefühlt habe, als ich die Bilder von den auf der Mauer tanzenden Menschen gesehen habe. Ich weiss nicht, ob ich eigentlich verstanden habe, was genau dort passiert, aber ich habe noch heute die Bilder der Menschen vor Augen, die in Massen über die Zäune und Mauern der Botschaften in Ungarn und der Tschechoslowakei klettern, Bilder der Verzweiflung und Bilder des Mutes. Das stärkste Bild aus dieser Zeit ist für mich jedoch eine Szene in einer alten Dokumentation, die ich erst viele Jahre später gesehen habe. Darin sieht man, wie eine Frau auf einen der am weitläufig abgesperrten Brandenburger Tor Wache schiebenden Soldaten zugeht und ihn darum bittet, doch wenigstens ein einziges Mal unter dem Tor hindurch laufen zu dürfen, bevor die Grenze wieder endgültig geschlossen wird. Er gewährte ihr diesen Wunsch und ließ sie passieren.

The Gift of Freedom

Damit, dass wir einige Jahre später in einem grenzenlosen Europa leben werden und ganz einfach mit unserem Personalausweis verreisen können, hat damals ganz bestimmt noch niemand gerechnet. Doch auch wenn ich heute allein schon den Gedanken, das eigene Land nicht verlassen zu dürfen, total absurd finde, war die neugewonnene Möglichkeit des Reisens eigentlich nie das Entscheidende. Es war vielmehr das Ende der Heimlichtuerei, weil man endlich nichts mehr verstecken musste, was vielleicht nicht mit dem bestehenden System konform war und man auch nicht mehr aufpassen musste, etwas zu sagen, dass vielleicht niemand hören durfte. Es bedeutete auch die Aufhebung aller Grenzen und Beschränkungen in der persönlichen Entfaltung, Zugriff auf uneingeschränkten Wissen und aller Bücher dieser Welt. Das ist etwas, wofür ich noch immer unendlich dankbar bin. Es gab durchaus Momente in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten, in denen ich mich gefragt habe, was wohl aus mir geworden wäre, wie mein Leben womöglich ausgesehen hätte, wenn die Mauer niemals gefallen wäre und dennoch bin ich sehr froh darüber, dass es darauf keine Antwort gibt. Es ist vielleicht nicht immer leicht mit der Freiheit, aber ich würde es niemals wieder anders wollen.

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11 Replies to “The gift of freedom”

  1. Schöner Artikel, Viola. Zusammen mit meinen Mitbewohnerinnen in der WG im Ruhrgebiet haben wir im Spätsommer 1989 meinem Besuch aus Engand 🙂 erklärt, bis die Mauer wirklich fallen würde, bräuchte es sicher noch 10 Jahre. Wie gut, das wir falsch gelegen haben.
    Wie gut auch, dass nach dem schrecklichen 9. November 1938, ein anderer Jahrestag zeigt, dass Mut und Friedfertigkeit Großartiges in Deutschland erreichte.

    Wie gefiel dir die „Lichtgrenze“? Ich mochte daran das Einfache, Klare und Leise.

    1. Danke Marlies 🙂 Das ist ja lustig und natürlich sehr gut, dass ihr da falsch gelegen habt. Ich habe das alles damals ja gar nicht so bewusst mitbekommen, aber mein Doktorvater hat mir mal erzählt, dass er es in den Wochen bzw. Monaten davor schon geahnt hat. Für mich war das alles irgendwie etwas unwirklich, vielleicht sollte ich einfach noch mal meine Eltern fragen.

      Die Reichskristallnacht hatte ich ja ganz vergessen, ich werde wohl auch alt, früher war mir das alles etwas mehr bewusst. Der 9. November ist auch der Geburtstag eines Kommilitonen, der zufälligerweise aus dem ‚Westen‘ stammt und damals zum studieren zu uns in den ‚Osten‘ gekommen ist.

      Ich habe von der Lichtgrenze nur ein bisschen was gesehen und gelesen, fand die Idee aber auch sehr schön und es gerne live vor Ort gesehen.

  2. liebe viola, danke für den schönen und sehr persönlichen artikel! dieses „was wäre wenn“ ist sicherlich eine riesenfrage – aber sie sich in diese richtung zu stellen ist sicherlich die bessere variante, als in die andere (was wäre aus mir geworden, wenn es die mauer nicht gäbe).
    ich hab ja selbst keine erinnerung an die zeit der mauer und des eisernen vorhangs, ich war damals noch keine 3 und habe selbst auch das ende dieser „ära“ nicht bewusst miterlebt.
    in den letzten jahren habe ich jedoch oft und viel drüber gelesen, vielleicht auch, weil das in den von mir abonnierten zeitungen auf facebook nach wie vor immer wieder ein thema ist und in den letzten wochen und monaten natürlich besonders und weil es ein thema ist, das mir als österreicher dieser generation so fremd ist, was in bezug auf deutschland ungewöhnlich ist.

    ich finde es aus heutiger sicht unvorstellbar, dass zu einer zeit, in der ich bereits auf dieser welt war, durch ein land wie deutschland eine derartige grenze gelaufen ist. absurd, wie du sagst, ist wohl wirklich das wort, das es am besten beschreibt (in meiner vorstellungskraft).

    umso verstörender finde ich es, dass es – grade aus akademischen kreisen (zumindest an der uni wien) – offenbar durchaus schicklich ist, den fall der mauer als „sieg des kapitalismus über den sozialen staat“ zu sehen und der meinung zu sein, dass es vorher im grunde für die menschen wesentlich besser war. das in zeiten und von seiten der menschen, die toleranz, freie mobilität, individualität und und und predigen, ist für mich einfach unverständlich.

    ich freue mich jedenfalls unabhängig von allen politischen, ethischen und moralischen gesichtspunkten her sehr, dass es die mauer nicht mehr gibt und wir uns so kennenlernen konnten 🙂

    1. Freut mich, dass es Dir gefällt. Ich wollte so lange schon darüber schreiben und dann hatte ich gestern doch ein wenig Schwierigkeiten, meine Gedanken und Erinnerungen zu sortieren. Vielleicht weil ich mich zu lange damit beschäftigt habe, ein passendes Bild zu finden und dann bin ich doch bei einer ganz frischen Entdeckung vom Samstag gelandet.

      Ich habe auch ein bisschen darüber nachgedacht, wie die Geschehnisse von damals wohl von außen wahrgenommen wurden und wie es wohl für diejenigen ist, die damals noch ganz jung oder noch gar nicht auf der Welt waren. Einige meiner amerikanischen Kollegen wollten damals immer wissen, wie es denn so war für mich, damals. So wirklich viel über die Hintergründe und Ereignisse weiss ich selbst ja auch nicht, in der Schule sind wir komischerweise in Geschichte immer nur bis zum 2. Weltkrieg gekommen. Eine Grenze innerhalb eines Landes im Zentrum Europas ist wirklich schwer vorstellbar, die Teilung und teilweise Isolation Berlin’s eigentlich sogar noch viel mehr, weil man dort die Grenze ja direkt vor Augen hatte. Das ist schon echt verrückt.

      Ja, die Meinungen mancher Menschen zu diesem Teil der Geschichte und auch das in den Medien gezeichnete Bild gibt einem wirklich manchmal sehr zu denken und lässt mich manchmal auch einfach nur fassungslos zurück. Es gibt in Deutschland auf beiden Seiten halt immer noch Menschen, die meinen es wäre früher besser gewesen bzw. das Leben wäre durch die Wiedervereinigung für sie schlechter geworden. Ich denke mir dann meist: Wie könnt ihr nur so etwas sagen? Nach mehr als 20 Jahren sollte es doch endlich mal gut sein mit diesem Ost-West-Streitereien. Aber wahrscheinlich meckern die Deutschen dafür einfach zu gerne.

      Und natürlich sind es auch all die Menschen, denen man sonst niemals begegnet wäre, für die allein es schon mehr als wert ist 🙂

      1. das kenne ich, oft hat man dinge im kopf, die man unbedingt niederschreiben will aber man findet nicht den richtigen faden. mir geht es grade auch wieder öfter so, darum gibt es bei mir derzeit auch weniger „gedankentext“ – wobei bei mir dahingehend noch dazu kommt, dass man nie weiß, wer mitliest und drum fällt es mir mittlerweile schwer, sehr persönliche sachen zu schreiben. manchmal weiß ich gar nicht, ob ich die entwicklung so angenehm finde, der blog war immer die anonyme welt, die mein ventil für diese sachen war… aber das ist ein anderes thema 😉 manchmal muss man geduld haben, bis wort und bild einen finden 🙂

        ich glaube, für menschen, die es nicht miterlebt haben – entweder zeitlich oder geografisch – ist das sehr schwer vorzustellen, wie sich eine grenze mitten in einer stadt, durch „das volk“ durch wohl anfühlen muss. ich kenne es nur von den erzählungen von meiner mama die wegen einem günstigeren flug nach amerika mit dem zug durch ostberlin durchfahren musste. für sie war das damals ein sehr prägendes erlebnis..

        ich beschäftige mich allgemein – grade wieder in letzter zeit – viel mit der frage, wie menschen diese meinung haben können. „ost-west-diskussionen“ im sinne deutschlands gibt es bei uns natürlich nicht. bei uns ist es die große rechts-links-streiterei. momentan scheint das wieder ein wenig zu eskalieren und da stehe ich einfach fassungslos da und denke mir: wieso wird diese diskussion auf diesem niveau geführt? Wieso hängt man sich an diese dogmen und systeme? in all diesen schubladisierten streitigkeiten wird nämlich eins immer vergessen: die menschlichkeit. aber ich hör dann auch schon wieder auf, es ist nur so, dass all das momentan präsent ist wie noch nie und auch auf alltägliches abfärbt und mir die beobachtung unserer medienlandschaft und der reaktionen darauf schon irgendwo sorgen bereiten. und jetzt bin ich schon wieder vom thema abgekommen, entschuldige.

        gut, dass die mauer weg ist und hoffen wir, dass nie wieder ähnliches (hier) passieren wird.

        1. Ja, mir geht das ganz öhnlich wie Dir, man sieht so viele Sachen im Netz, da fragt sich wirklich, was eigentlich aus der Menschlichkeit geworden ist. Ich hab anlässlich des Mauerfalls ein Video auf FB gesehen, das war schon extreme linke Propaganda, da hat’s mir echt gegraust. Und wenn manche Leute Angela Merkel mit Adolf Hitler vergleichen und von einer deutschen Diktatur sprechen, wird mir echt immer ganz anders, dabei interessieren mich so politische Sachen eigentlich nicht. Aber es ist trotzdem manchmal sehr traurig, was man so sieht und hört.

          Mit den persönlichen Sachen auf dem Blog ist es schon manchmal schwierig, auch für mich. Ich mach ja kein Geheimnis daraus, dass ich diesen Blog schreibe und es soll ja auch bewusst persönlich sein, trotzdem kann man halt auch nicht immer alles erzählen, zumindest nicht direkt. Ich versuche halt immer irgendwie einen Weg zu finden, das, was mich gerade beschäftigt einfliessen zu lassen. Manchmal geht es, manchmal nicht. Und wenn mich etwas sehr ärgert, mach ich einfach einen kleinen Post unter Freunden auf FB 🙂

  3. Sehr schöner Gedankengang, Liebes! 🙂
    Und wir hätten uns nie kennengelernt, wenn die Mauer nicht gefallen wäre :-*
    Schade, dass wir nicht in Berlin waren zur Lichtgrenze – wäre bestimmt ein tolles (und fotografisches) Ereignis geworden!
    Fühl Dich lieb umärmel!

    1. Danke meine Süsse! Ich muss zugeben, ich hab dabei natürlich auch an Dich Berliner Göre gedacht 🙂 Ehrlich gesagt habe ich sogar überlegt, ob ich nicht das letzten Oktober in Berlin aufgenommene Bild von Paule und Kalle für den Artikel nehmen sollte, quasi symbolisch für eine deutsch-deutsche Freundschaft. Dann sind mir irgendwie die Gedanken weggelaufen und ich hab die Hälfte wieder vergessen, aber nächste Jahr gibt’s ja dann schliesslich noch 25 Jahre Wiedervereinigung zu feiern.

      Ich wäre eigentlich auch ganz gerne in Berlin dabei gewesen, das war bestimmt total schön mit den vielen Lichtern. Aber ohne euch wäre es wahrscheinlich irgendwie doof gewesen, wenn schon, denn schon. Zur Not machen wir uns beim nächsten Besuch einfach eine eigene, kleine Lichtgrenze, Improvisation ist alles.

      Ich drück Dich ganz dolle xox

  4. Paule würde ich schon gerne mal wieder sehen. Vielleicht mit Lichtinstallation im Advent…?

    1. Haha, ich glaube, da bist Du wahrscheinlich nicht die Einzige. Paule ist momentan immer noch ein Ein-Ohr-Hase, falls ich ihn doch noch einmal repariert bekomme, ist vielleicht ein kleines Advents-Special drin 🙂

  5. bei mir war es lange auch so, dass ich mich damit einfach nicht befasst habe, weil es mir zu trocken erschienen ist. dann habe ich begonnen, mich damit zu beschäftigen und es war mir zu emotional. viele jahre habe ich einen weiten bogen um die thematik gemacht, weil es viele nerven kostet ohne dass am ende etwas produktives für einen rausschaut, weil man als individuum ja doch nichts bewegen kann. in letzter zeit fällt mir die distanz dazu immer schwerer und ich merke, wie sich diese dinge in mein empfinden hineinarbeiten. ich bin fassungslos, wenn solche dinge passieren, es macht mir sorgen, wenn ich merke, dass propaganda wieder en vogue ist in den österreichischen medien, nur eben von der anderen seite. dass es keine kritische gegenstimme gibt, die erklärt, dass radikalismus, egal aus welcher richtung, immer ein problem ist. denn langsam fühlt es sich – zumindest in wien – nicht mehr so an, als gäbe es echte meinungsfreiheit und demokratische toleranz. natürlich wird nichts rechtlich untermauerten verhindert, aber verurteilt und an den den virtuellen pranger gestellt wird schnell.

    das mit dem persönlichen einfließen-lassen habe ich früher ganz gut hinbekommen, das ist mir irgendwie abhanden gekommen, seit sich meine fotografie weg von abstrakten alltagsperspektiven hin zu klassischen naturmotiven verändert hat. aber wenn es notwendig ist, wird sich wieder ein neues ventil finden. kommt zeit, kommt rat…

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